Autoren: Dr. med. univ. Wiebke Düttmann-Rehnolt; Prof. Dr. med. Klemens Budde - Datum: 09.04.2020

Update: Smart-Health-Projekt MACCS für Nierentransplantierte

Die digitale Plattform MACCS ermöglicht eine bessere und zeitgemäße Kommunikation und Dokumentation in der komplexen Versorgung chronisch kranker Patienten im häuslichen Umfeld. Das Konzept wurde prototypisch für nierentransplantierte Patienten entwickelt und wird jetzt weltweit erstmalig routinemäßig für das Home-Monitoring der nierentransplantierten Patienten verwendet. Dr. Düttmann-Rehnolt und Prof. Budde geben ein Update zu den aktuellen Entwicklungen des Projekts.

Aus MACSS wurde MACCS

Vor einiger Zeit haben wir bei transplant campus über das Projekt „Medical Allround-Care Service Solutions“, (kurz MACSS genannt) berichtet: Smart-Health-Projekt: Mobiler Austausch zwischen Patient und Arzt

MACCS wurde zwischen 2015 bis März 2019 vom Ministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Konsortialpartner waren neben der Charité – Universitätsmedizin Berlin auch die SAP SE, die Firmen smartpatient GmbH und Dosing GmbH. Herausragend wichtige assoziierte Partner waren die Firma MedVision AG, der Patientenverband Niere e.V. sowie die AOK Nordost und die Techniker Krankenkasse. Ziel des Projektes war es die Versorgung von Patienten nach Nierentransplantation zu verbessern, indem an entscheidenden Punkten die Dokumentation und der Austausch von Informationen digitalisiert wurden. Die grundlegende Technik kann ohne Aufwand auf anderen Abteilungen, Spezialambulanzen oder Praxen ausgeweitet werden.

Nach Beendigung des Projektes schied die SAP SE aus dem Projekt aus und wurde durch die beiden Firmen comjoodoc und medworx.io ersetzt, um so auch weiterhin den datenschutzsicheren und rechtssicheren Austausch pseudonymisierter Patientendaten über eine standardisierte HL7 FHIR Schnittstelle zu gewährleisten. Aus MACSS wurde so MACCS (für „Medical Assistant for Chronic Care Services“). Mit der Einbindung von comjoo sollen auch einfache niedrigschwellige Kommunikationsdienste (wie Chat und Videokonsil) zur Erleichterung der Patientenversorgung angeboten werden.

Kommunikation per App

Die Patienten erhalten zwei Apps auf ihr Smartphone oder Tablet. Die comjoodoc EASY App (der Firma comjoo) ermöglicht eine sichere Authentifizierung und ein einfaches Rechtemanagement in der MACCS Plattform. Es können Vitaldaten und das Befinden weitergeleitet werden. Zusätzlich gibt es eine Chat- und Videokonferenzfunktion, die im Sommer 2020 freigeschaltet werden. Zudem kann in die comjoodoc EASY App der bundeseinheitliche Medikationsplan eingespeist werden. Die MyTherapy App von der Firma smartpatient ist die führende deutsche App zum Medikationsmanagement, wodurch die Adhärenz und das Empowerment des Patienten gestärkt werden soll. Die App leitet Medikationsdaten und Vitalparameter an die MACCS Plattform weiter. Die Apps sind für die Patienten kostenlos in den jeweiligen Stores erhältlich.

Sicheres Datenschutzkonzept

Die Weiterleitung der Daten erfolgt nach einem hochsicheren Authentifizierungs- und Eingliederungsprozess über die HL7 FHIR Schnittstelle. Diese Schnittstelle ermöglicht es, sensitive Patientendaten besonders zu schützen, da auf die Schnittstelle von extern nicht zugegriffen werden kann. Der Authentifizierungsprozess sieht eine Verschlüsselung vor, so dass die Daten geschützt über die MACCS Plattform pseudonymisiert weitergeleitet werden. Die Patientendaten sind nur für den Endnutzer (auf dem Patientenhandy, in der Charité und beim niedergelassenen Nephrologen) sichtbar. Alle Daten werden in Deutschland bzw. an der Charité verarbeitet und im sicheren Datenraum der Charité gespeichert. Eine Weiterleitung an Dritte, auch in aggregierter oder anonymisierter Form, ist nicht vorgesehen. Wichtig war die frühzeitige Beteiligung der Datenschutzbeauftragten an der Charité. Für das MACCS Projekt liegt eine Datenschutzfolgeabschätzung und ein ausführliches externes Rechtsgutachten einer renommierten spezialisierten Kanzlei vor.

Erfahrenes Telemedizinteam

Das Telemedizinteam besteht aus erfahrenen Ärzten/Innen sowie Krankenschwestern/pflegern. Das Telemedizinteam klärt die Patienten auf und schließt die Patienten in das Projekt ein. Der Patient wird bei der Installation der Apps unterstützt und ausführlich geschult (z.B. in der Medikamenteneinnahme, dem notwendigen Selbstmonitoring, Adhärenz, Verhalten bei medizinischen Problemen). Das Telemedizinteam kontrolliert von Montag bis Freitag von 8-16 Uhr die ankommenden Daten und nimmt bei Problemen Kontakt zu den Patienten auf. Eine Notfall- und Wochenendversorgung ist bisher nicht vorgesehen. Zur einfachen und übersichtlichen Darstellung der Verläufe hat das Telemedizinteam ein Dashboard in der elektronischen Patientenakte TBase integriert, dass die einkommenden Informationen modular und übersichtlich zur Darstellung bringt. Neben Telefonaten ist die datenschutzsichere Kommunikation über Chat und Videosprechstunde mit Hilfe der comjodocEASY App geplant. Aber auch die Ärzte untereinander können einfach und schnell über die comjoo Kommunikationsplattform in Kontakt treten und so Verläufe von gemeinsamen Patienten direkt aus den Patientenakten (Nephro7 und TBase) heraus besprechen. Für Praxen, die kein Nephro7 von MedVision verwenden, ist eine web-basierte Anbindung über die Plattform comjoodocPRO jederzeit möglich.

Austausch von Laborwerten und Medikationsplan

MACCS leitet nach einem Authentifizierungs- und Eingliederungsprozess zwischen niedergelassenen Nephrologen und den Ärzten des Nierentransplantationszentrums der Charité Laborwerte direkt in die Patientenakte Nephro7 (von der Firma MedVision) und das Dokumentationssystem TBase der Charité weiter. Auf diese Weise müssen Laborwerte nicht mehr mit der Post versendet werden, sondern sind unmittelbar im anderen System abrufbar, da die übermittelten Daten direkt in die Patientenakten integriert werden. Praxisschulungen für den Eingliederungsprozess in das Projekt erfolgen individuell durch das Telemedizinteam. Perspektivisch soll MACCS auch ausgewählte Laborwerte automatisch an die Gesundheits-Apps des Patienten übermitteln.

Zudem werden die Medikationspläne (als bundeseinheitlichen Medikationsplans) von der Charité in die Gesundheits-App auf das Smartphone teilnehmender Patienten gesendet. Aber auch untereinander wird der Medikationsplan stets aktualisiert weitergeleitet. Änderungen im Medikationsplan, die vom Patienten ausgehen, sollen ebenfalls an die niedergelassenen Nephrologen und den Ärzten vom Nierentransplantationszentrum übermittelt werden. Wie oben ausgeführt kontrolliert ein neu aufgestelltes Telemedizinteam an der Charité etwaige Änderungen und reagiert, falls ungewünschte Interaktionen durch Änderungen in der Medikationsliste zu erwartet sind oder Änderungen z.B. aufgrund der aktuellen Nierenfunktion nicht sinnvoll erscheinen. Dazu verwendet das Telemedizinteam den web-basierten Arzneimittel-Interaktionscheck „MIA Service“ (von der Firma Dosing GmbH). Es erfolgen keine Änderungen durch das Telemedizinteam ohne diese vorher mit den Patienten oder den niedergelassenen Kollegen zu besprechen.

Informationen zur Therapieadhärenz

Auch Informationen über die Medikamentenadhärenz, d.h. ob ein Patient das Medikament zu Hause eingenommen hat (also in der App als eingenommen abstreicht), werden an das Telemedizinteam weitergeleitet. Aus diesen Daten kann das Telemedizinteam die Medikamentenadhärenz ableiten. Aus dem täglichen Mitwirken an dem Projekt, also der Weiterleitung von zu Hause gemessenen Vitalparametern, wird die Therapieadhärenz abgeleitet. Sollte diese, zusammen mit der Medikamentenadhärenz, unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes fallen, wird ebenfalls Kontakt mit den Patienten aufgenommen und ein Schulungsplan zur Stärkung der Adhärenz gemeinsam mit dem Patienten festgelegt. Es wird dabei auf die verschiedenen zugrundeliegenden psychologischen Typen eingegangen.

Ziel: Bessere Versorgung und Stärkung von Nierentransplantationspatienten

Die Krankenkassen AOK Nordost und die Techniker Krankenkasse und unterstützen das Projekt auch finanziell für zunächst 4 Jahre durch einen Selektivvertrag nach §140 für besondere Versorgung. Auch der Bundesverband Niere e.V., die Selbsthilfeorganisation der Dialysepatienten und Nierentransplantieren Deutschlands unterstützt seit Jahren tatkräftig das Projekt.

Inzwischen wurden die ersten Patienten für die zusätzliche telemedizinische Versorgung eingeschlossen. In begleitenden Untersuchungen soll geprüft werden, ob die Patienten von der zusätzlichen Versorgung profitieren. Ziele sind es, die Lebensqualität, das Empowerment und die Adhärenz zu stärken und ein neues Sicherheitsempfinden zu Hause aufzubauen. Zur wissenschaftlichen Bestätigung der verbesserten Versorgung der Patienten ist im Sommer eine große prospektiv randomisierte Studie geplant.

Nach dem erfolgreichen Start soll das MACCS Projekt auch auf weitere Abteilungen bzw. Spezialambulanzen an der Charité und externe Transplantationszentren erweitert werden. Jede Patientengruppe und die betreuenden Ärzteschaften haben eigene Informationsbedürfnisse (Fragebögen, Scores, verschiedenste Vitalwerte), die in der App freigeschaltet werden können. Jede HL7 FHIR kompatible Patientenakte kann einfach in das System eingegliedert werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Die MACCS Plattform ermöglicht eine bessere und zeitgemäße Kommunikation und Dokumentation in der komplexen Versorgung chronisch kranker Patienten. Die Versorgung erfolgt im häuslichen Umfeld. Der Plattform liegt ein sicheres Datenschutzkonzept mit einem Datenaustauch über standardisierte HL7 FHIR Schnittstellen zu Grunde. Prototypisch wurde das Konzept für nierentransplantierte Patienten entwickelt und wird jetzt weltweit erstmalig routinemäßig für das Home-Monitoring der nierentransplantierten Patienten verwendet. Die Ausweitung auf andere nephrologische Patientengruppen oder organtransplantierte Patienten ist geplant. Auch weitere chronisch kranke Patientengruppen sollen in Zukunft adressiert und eingebunden werden.

Inzwischen sind erste Patienten in das Projekt eingeschlossen, die ersten Werte kontrolliert und die ersten medikamentösen Therapien angepasst worden. Der gründlich durchgeführte Einschlussprozess ließ bei Patienten wenig Fragen übrig, sodass es in der telemedizinischen Zentrale noch ruhig ist. Doch jetzt, wo die Pandemie durch das Virus Covid-19 den Alltag in Kliniken und Praxen umkrempelt, ist ein Projekt wie MACCS dringend notwendig: eine telemedizinische Betreuung von Patienten unter Einhaltung des Datenschutzes durch ein Konzept, dass von Ärzten für Ärzte entwickelt wurde.

Mehr zum Projekt finden Sie unter www.maccs-projekt.de.

Autoren: Dr. Wiebke Düttmann-Rehnolt; Prof. Klemens Budde

Autoren:

Dr. med. univ. Wiebke Düttmann-Rehnolt
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Nephrologie und internistische Intensivmedizin
AG „Digitale Nephrologie“
Charité-Universitätsmedizin Berlin

Prof. Dr. med. Klemens Budde
Charité - Universitätsmedizin Berlin Campus Mitte
Centrum Innere Medizin mit Gastroenterologie und Nephrologie
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Nephrologie Berlin

 

Disclosures

Dr. med. univ. Wiebke Düttmann-Rehnolt: Keine Interessenskonflikte

Prof. Budde: Forschungsgrants und Honorare von Abbvie, Astellas, Alexion, Bristol-Myers Squibb, Chiesi Genentech, Hexal, Novartis, Pfizer, Otsuka, Roche und Veloxis

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben