Autor: Redaktion transplant campus  - Datum: 18.10.2022

Lesetipp: Auswirkungen einer Lebendnierenspende auf die Spender

Die prospektive SoLKiD-Studie untersucht die Sicherheit der Lebendnierenspende in Deutschland und liefert wichtige Hinweise für die Beratung potenzieller Nierenspender. Ein ausführlicher Artikel im Deutschen Ärzteblatt stellt die ersten Ergebnisse der Untersuchung vor und ordnet diese ein.

Lebendnierenspende bietet viele Vorteile für die Empfänger

Wegen des anhaltenden Mangels an Spenderorganen ist die Lebendnierenspende für Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz in Deutschland im Moment die beste Option, die Zeit auf der Warteliste für eine Nierentransplantation zu verkürzen, die Nierenfunktion wiederzuerlangen und die Lebenserwartung und Lebensqualität zu verbessern. Dies berichtet ein Autorenteam in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt. (1)

Im Jahr 2021 wurden hierzulande insgesamt 1.992 Nieren transplantiert, der Anteil an Lebendnierenspenden daran betrug etwa ein Viertel (23,8 %). Im Gegensatz zu den langen Wartezeiten auf ein postmortales Organ (im Durchschnitt 8–9 Jahre) wurden 2021 etwa 40 % der Lebendspendeempfänger präemptiv oder innerhalb eines halben Jahres nach Dialysebeginn transplantiert. Dies bietet große Vorteile für die Empfänger, so die Autoren, da bei einer kürzeren Wartezeit sowohl das Transplantat- als auch das Patientenüberleben besser sind.

Psychosoziale Risiken für Lebendnierenspender bisher wenig erforscht

Bei einer Lebendspende muss man die Vorteile für die Empfänger gegen mögliche Nachteile für die Spender abwägen. Derzeit gibt es noch wenig Daten zu psychosozialen Aspekten bei Lebendspendern wie zur Lebensqualität nach der Spende. Retrospektive Analysen weisen darauf hin, dass die Lebensqualität nach einer Lebendnierenspende meist mit der der übrigen Bevölkerung vergleichbar oder besser ist, wobei sich bei bestimmten Subgruppen auch einzelne Parameter wie z. B. Fatiguewerte verschlechtern. Aussagekräftige prospektive Daten fehlen jedoch bisher.

SoLKiD-Projekt zur Sicherheit der Lebendnierenspende in Deutschland

Vor diesem Hintergrund wurde mit dem SoLKiD-Projekt (Safety of the Living Kidney Donor) unter Leitung von Prof. Dr. med. Barbara Suwelack, Münster, eine prospektive Studie zur psychosozialen Situation von Lebendspendern vor und nach der Spende an 20 deutschen Transplantationszentren gestartet, mit dem Ziel Wissenslücken zur physischen und psychischen Gesundheit von Lebendspendern zu schließen. Erste Ergebnisse dieser Untersuchung wurden vor kurzem in Kidney International (2) veröffentlicht und jetzt in dem Beitrag im Deutschen Ärzteblatt (1) vorgestellt und diskutiert.

Das SoLKiD-Projekt erhob in einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe die Daten von 336 Lebendspendern vor der Transplantation sowie 2, 6 und 12 Monate nach der Transplantation. Primäre Endpunkte waren die Nierenfunktion, Lebensqualität und Fatigue, sekundäre Endpunkte waren Blutdruck, Hämoglobin, Hämoglobin A1c, Körpergewicht, Depressivität und Somatisierung.

Bei der Lebensqualität und den meisten körperlichen sekundären Endpunkten sowie bei depressiven Symptomen zeigten sich nur geringe Änderungen im Verlauf. Der gute Zustand vor der Transplantation wurde wiedererlangt oder bestand kontinuierlich fort. Beim körperlichen Outcome zeigte sich nur eine signifikante Abnahme der Nierenfunktion. Diese nahm – wie bei einer einseitigen Nephrektomie zu erwarten – nach der Spende um 37 % ab.

Zunahme der mentalen Fatiguewerte bei einem Teil der Lebendnierenspender

Darüber hinaus wurde eine signifikante Zunahme von Fatiguewerten (allgemeine und mentale Fatigue) und Somatisierungssymptomen beobachtet. Allerdings ist die Einordnung der klinischen Relevanz schwierig, da keine validierten Schwellenwerte für den verwendeten Fatiguefragebogen MFI-20 existieren. Man ging von einer klinisch relevanten Fatiguesymptomatik aus, wenn der Wert mehr als eine Standardabweichung über dem Wert der Deutschen Allgemeinbevölkerung lag – eine wissenschaftlich übliche Methode, die die klinische Bedeutung aber eher über- als unterschätzt.

Insgesamt stieg bei 12 % der Spender der Wert für allgemeine Fatigue und bei 17 % der Wert für mentale Fatigue im Verlauf eines Jahres über den Schwellenwert an. Eine moderate Effektstärke für signifikante Änderungen lag nur für die Dimension „mentale Fatigue“ vor. Eine mentale Fatigue hat z. B. Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitssteuerung. Wichtig für die Einordnung von Fatigue sei außerdem, dass erhöhte Werte nicht mit der Erkrankung „Chronisches Fatigue-Syndrom“ (CFS) gleichzusetzen sind, das z. B. nach viralen Infekten auftreten kann.

Die Haupteinflussfaktoren für eine verringerte Nierenfunktion und einen Anstieg der Fatiguewerte waren die jeweiligen Werte vor der Spende, für die Nierenfunktion spielte außer dem das Alter des Spenders eine Rolle und für die Fatiguewerte das subjektiv gefühlte Stressniveau des Spenders. Ein Zusammenhang zwischen Nierenfunktion und Fatigue war nicht nachweisbar.

Hohe Sicherheit der Lebendnierenspende, aber Aufklärung über Risiken nötig

Diese Ergebnisse bedeuten, dass die Praxis der Lebendnierenspende in Deutschland den Spendern eine hohe medizinische Sicherheit bietet, so das Autorenteam – und zwar sowohl in Hinblick auf körperliche Parameter als auch auf die unverändert hohe Lebensqualität und Zufriedenheit bei den meisten Spendern über den Untersuchungszeitraum von einem Jahr. Die Ergebnisse demonstrieren außerdem die hohe Qualität bei der Spenderauswahl und der medizinischen Versorgung.

Detaillierte Analysen zeigen jedoch auch, dass es bei einem Teil der Spender zu Veränderungen der physischen und psychischen Gesundheit kam, betonen die Autoren. Die SoLKid-Studie konnte erstmalig prospektiv eine Zunahme der mentalen Fatiguewerte nach Lebendnierenspende bei einem Teil der Studienkohorte nachweisen. Die klinische Relevanz dieser Zunahme kann ohne weiterführende klinische Untersuchungen zwar noch nicht hinreichend beurteilt werden, dennoch wurde mit dem SoLKiD-Projekt jetzt eine wichtige Basis für eine umfassendere und bessere Aufklärung der Spender geschaffen. Die Risiken sollten ernst genommen und im Rahmen der Aufklärung thematisiert werden. Für die frühzeitige Identifizierung von Spendern mit psychosozialen Problemen wird zudem eine sorgfältige psychosoziale Evaluation und Nachsorge empfohlen.

Weitere Informationen

Zum Artikel im Deutschen Ärzteblatt: Nierenlebendspende: Wie Nierenspender weiterleben

Literatur

  1. Jedamzik J, Budde K, Kröncke S, Koch M, Suwelack B. Nierenlebendspende: Wie Nierenspender weiterleben. Dtsch Arztebl 2022; 119(40): A-1696 / B-1413
  2. Suwelack B, Berger K, Wolters H, et al.: Results of the prospective multicenter SoLKiD cohort study indicate bio-psycho-social outcome risks to kidney donors 12 months after donation. Kidney Int 2022; 101 (3): 597–606

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