Autor: Prof. Tönshoff - Datum: 01.12.2021

Nierentransplantation bei kleinen Kindern: Geringere Abstoßung bei Lebendspende der Mutter durch Mikrochimärismus

Durch den transplazentaren Zellaustausch zwischen Mutter und Fetus während der Schwangerschaft, der zu Mikrochimärismus führt, kann es zu immunologischen Unterschieden zwischen väterlichem und mütterlichem Spender kommen. Vor diesem Hintergrund stellt Prof. Dr. med. Burkhard Tönshoff eine Studie vor, in der untersucht wurde, ob sich das Ergebnis der Lebendnierentransplantation bei Kleinkindern nach mütterlicher im Vergleich zur väterlichen Organspende unterscheidet.

Engels G, Döhler B, Tönshoff B, Oh J, Kruchen A, Müller I, Süsal C. Maternal versus paternal living kidney transplant donation is associated with lower rejection in young pediatric recipients: A Collaborative Transplant Study report. Pediatric Transplantation 2021; 00:e14154. Zum kostenlosen Volltext der Studie

Nierentransplantation bei pädiatrischen Patienten: Beeinflusst der maternale Mikrochimärismus das Outcome?

Bislang liegen nur begrenzte und darüber hinaus kontroverse Daten über die Auswirkungen maternaler mikrochimärer Zellen (siehe Infokasten) auf das Ergebnis bei nierentransplantierten Patienten vor. Untersuchungsziel war es, herauszufinden, ob es Unterschiede in Bezug auf Abstoßungsrate und Transplantatüberleben bei Nierentransplantaten von mütterlichen oder väterlichen Spendern bei Kindern im Alter von 1-4 Jahren gibt. In diesem Alter sind Rate und Ausmaß des maternalen Mikrochimärismus am höchsten. (1)

Daten von über 7000 Kindern und Jugendlichen mit Lebendnierenspende analysiert

Jährlich erhalten etwa 1700 Kinder mit Nierenerkrankungen im dialysepflichtigen Stadium in Europa und den USA eine Spenderniere, etwa 30–50 % davon sind Lebendspendernieren. In der vorgestellten Untersuchung wurden epidemiologische Daten von 7247 Kindern und Jugendlichen im Alter von < 18 Jahren, die eine Nierentransplantation von Mutter oder Vater erhalten hatten, analysiert. Dafür wurden die Daten der internationalen Datenbank der Collaborative Transplant Study (CTS) in einem Zeitraum von 35 Jahren (1985–2019) genutzt. Ähnlich wie in anderen Studien weltweit stammten etwa 60% der Spenden von Müttern und 40% von Vätern.

Das Risiko von Abstoßungsepisoden und das Tod-zensierte Transplantatüberleben (death-censored graft survival) wurde für die Altersgruppe 1–4 Jahre und 5–9 Jahre getrennt analysiert, da der Mikrochimärismus mit der Zeit abnimmt. (1)

Mikrochimärismus – starke Mutter-Kind-Bindung

Schon vor über 70 Jahren wurde ein transplazentarer Austausch von mütterlichen und fetalen Zellen vermutet. Dieser bidirektionale Zelltransfer zwischen Mutter und Kind wird Mikrochimärismus genannt. Mikrochimärismus ist definiert als die dauerhafte Präsenz von geringen Mengen fremder Zellen entweder bei der Mutter oder beim Kind.
Für den maternalen Mikrochimärismus, also die Übertragung mütterlicher Zellen auf das Kind, werden positive Auswirkungen vermutet: Beispielsweise die Induktion einer spenderspezifischen Hyporesponsibilität bei der Transplantation eines Spenderorgans. Jedoch soll er, wie auch der fetale Mikrochimärismus (Übertragung fetaler Zellen auf die Mutter), eine Rolle bei der Entwicklung von Autoimmunität spielen. (1)

Geringeres Transplantatabstoßungsrisiko bei mütterlicher Spende

In der Altersgruppe von 1-4 Jahren war die Rate der behandelten Abstoßung bei Empfängern von Nieren mütterlicher Spender (n = 195) in den ersten 2 Jahren nach der Transplantation signifikant niedriger (HR = 0,47, p = 0, 004) als bei Patienten, die Nieren ihrer Väter erhielten (n = 179).

Dieser Unterschied blieb auch signifikant, wenn die Zeiträume 1985–1999 und 2000–2019 separat analysiert wurden (siehe Tabelle 1). Der Unterschied in der Abstoßungsrate zwischen den Empfängern mütterlicher und väterlicher Transplantate war nur für die Empfänger mit positiven Panel-reaktiven Antikörpern signifikant. (1)
Bei Kindern der Altersgruppe von 5-9 Jahren wurde hingegen kein Zusammenhang zwischen mütterlicher oder väterlicher Spende und dem Abstoßungsrisiko beobachtet. (1)

Tabelle 1. Auswirkung der mütterlichen vs. der väterlichen Lebendnierenspende auf die 2-Jahresrate behandelter Abstoßungsreaktionen, mod. nach (1).

OutcomePatienten, nHR95% CIp-Wert
Innerhalb von 2 Jahren nach Transplantation wegen Abstoßungsreaktion behandelte Kinder
Gesamt30221,000,87–1,150,99
  1–4 Jahre3740,470,28–0,790,004
      1985–1999           149    0,46 0,23–0,96  0,037
      2000–2019         225    0,39 0,17–0,86 0,021
  5–9 Jahre          589    1,03 0,74–1,440,87
  10–17 Jahre         2059    1,09 0,92–1,28 0,32
  Tochter      1275    0,98  0,79–1,21 0,85
  Sohn      1747    1,02   0,85–1,23 0,80
  PRA = 0 %   1507    0,91  0,74–1,11 0,34
  PRA > 0 % (positiv)        341    1,65  1,06–2,57 0,026
PRA: Panel-reaktive Antikörper

Keine Unterschiede im Transplantatüberleben

Das signifikant erhöhte Abstoßungsrisiko in der Altersgruppe von 1–4 Jahren schlug sich jedoch nicht in einem unterschiedlichen Transplantatüberleben nieder. Das todeszensierte 5-Jahres-Transplantatüberleben war bei Kindern im Alter von 1-4 Jahren nach mütterlicher oder väterlicher Spende vergleichbar (HR = 0,88, 95% CI 0,55-1,40, p = 0,58).

Ebenso gab es keinen Unterschied für das Transpantatüberleben in den Altersgruppen 5–9 Jahre und 10–17 Jahre. Auch unter Berücksichtigung des Geschlechts der Empfänger wurden keine signifikanten Unterschiede für das korrigierte 5-Jahres-Transplantatüberleben nach Nierenlebendspende vom Vater oder der Mutter beobachtet. (1)

Fazit

Die mütterliche Nierenspende ist bei jungen pädiatrischen Nierentransplantatempfängern mit einer etwa 50% niedrigeren Rate behandelter Abstoßungsreaktionen verbunden als die väterliche Nierenspende. Ob dieses Phänomen auf eine durch maternalen Mikrochimärismus bedingte spenderspezifische Hyporesponsibilität zurückzuführen ist, muss in künftigen prospektiven Studien untersucht werden. (1)

Literatur

  1. Engels G, et al. Maternal versus paternal living kidney transplant donation is associated with lower rejection in young pediatric recipients: A Collaborative Transplant Study report. Pediatric Transplantation 2021; 00:e14154

    Autor

    Prof. Dr. med. Burkhard Tönshoff
    Stellv. Ärztlicher Direktor und leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neuropädiatrie, Stoffwechsel, Gastroenterologie, Nephrologie
    Ärztlicher Leiter, pädiatrische Nierentransplantation
    Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin,
    Universitätsklinikum Heidelberg

    Disclosures

    Forschungsgrants, Reisegrants, Vortragsgebühren und Teilnahme an Advisory-Boards von Astellas, Bristol-Myers Squibb, Chiesi, CSL Behring und Novartis

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