Autoren: Dr. Dziodzio, Dr. Öllinger - Datum: 06.07.2022

Adipositas im Bereich der Nierentransplantation in Deutschland

Die Adipositas hat Einfluss auf die Auswahl von Nierentransplantationskandidaten. Eine bundesweite Umfrage an allen deutschen Transplantationszentren hat erfasst, welche Rolle BMI-Schwellenwerte dabei spielen und welchen Stellenwert die bariatrische Chirurgie einnimmt. Dr. med. Tomasz Dziodzio und Prof. Dr. med. Robert Öllinger fassen die Ergebnisse der Untersuchung zusammen.

Tomasz Dziodzio, Karl Herbert Hillebrandt, Sebastian Knitter, Maximilian Nösser, Brigitta Globke, Paul Viktor Ritschl, Matthias Biebl, Christian Denecke, Jonas Raakow, Georg Lurje, Wenzel Schöning, Moritz Schmelzle, Andreas Kahl, Markus Fütterer, Klemens Budde, Kai-Uwe Eckardt, Fabian Halleck, Johann Pratschke, Robert Öllinger, German Bariatric Surgery, Kidney Transplantation Group. Body Mass Index Thresholds and the Use of Bariatric Surgery in the Field of Kidney Transplantation in Germany. Obes Surg 2022; 32:1641-1648. Zur Studie im Volltext

Adipositas beeinflusst das Outcome nach Nierentransplantation

Mehr als die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer in Deutschland sind übergewichtig [1]. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Übergewicht beim Erwachsenen ab einem Body-Mass-Index (BMI) von ≥ 25 kg/m² und Adipositas ab einem BMI von ≥ 30 kg/m² [2]. Entsprechend dieser Definition gelten ein Viertel der deutschen Erwachsenen sogar als adipös.

Adipositas spielt bei der Auswahl von Nierentransplantationskandidaten eine relevante Rolle. Im Jahr 2020 wurden in Deutschland insgesamt 7388 Patienten für einen Nierentransplantation gelistet [3]. Die Adipositas beim Empfänger einer Nierentransplantation ist mit einer höheren Rate an verzögerter Organfunktion (engl.: delayed graft function), primärer Nichtfunktion (engl.: primary non-function), Wundkomplikationen, geringerem Transplantatüberleben vergesellschaftet und daher oft mit einem schlechteren Transplantationsergebnis assoziiert [4-6].

In Zeiten von Ressourcenknappheit im Gesundheitswesen und einem Mangel an Organspendern wird der Zugang zur Nierentransplantation für adipöse Hochrisikokandidaten daher häufig durch sogenannte BMI-Obergrenzen eingeschränkt [7,8]. Hier gibt es jedoch keine klaren Vorgaben, sodass je nach Zentrum diese BMI-Obergrenzen zwischen 35-45 kg/m² schwanken können [9]. Die bariatrische Chirurgie hat sich bei der Behandlung der Adipositas im Vergleich zu konservativen Maßnahmen als überlegen erwiesen [10,11]. Es ist jedoch noch unklar, ob sie für adipöse Dialysepatienten als Vorbereitung vor einer Nierentransplantation von Vorteil ist und wie der aktuelle Stellenwert dieser Behandlungsmethode in der deutschen Transplantationsgemeinschaft gewertet wird.

Aktuelle Umfrage an allen deutschen Transplantationszentren zu Adipositas bei Nierentransplantationskandidaten

In der aktuellen Publikation mit dem Titel „Body Mass Index Thresholds and the Use of Bariatric Surgery in the Field of Kidney Transplantation in Germany” aus dem Journal Obesity Surgery präsentieren wir die Ergebnisse unserer bundesweiten Umfrage an allen deutschen Transplantationszentren zum Thema der Adipositas bei Nierentransplantationskandidaten und des Stellenwerts der bariatrischen Chirurgie.

Wir erörterten

  • die Verwendung von BMI-Grenzwerten als Wartelisten-Zugangskriterium für eine Nierentransplantation
  • die Anwendung und den Stellenwert der bariatrischen Chirurgie im Kollektiv der adipösen Nierentransplantationskandidaten
  • und die Erfahrung der jeweiligen Zentren mit Programmen zur Gewichtsreduktion.

Verwendung von BMI-Grenzwerten als Wartelisten-Zugangskriterium

Die Rücklaufquote für die Umfrage betrug 100 %. Insgesamt 68,6 % der Zentren gaben an, absolute BMI-Grenzwerte als Zugangsbeschränkung für eine Nierentransplantation zu verwenden. Diese Zahl ist hier durchaus vergleichbar mit ähnlichen internationalen Erhebungen. Eine Gruppe aus Kanada stellte fest, dass 81 % der kanadischen Transplantationszentren BMI-Grenzwerte als Zugangskriterien für eine Nierentransplantation verwendeten [12]. Der in Deutschland am häufigsten verwendete BMI-Schwellenwert betrug ≥ 35 kg/m², während in der Publikation aus Kanada zumeist ein BMI-Grenzwert von ≥ 40 kg/m² verwendet wurde.

Bariatrische Chirurgie bei Nierentransplantationskandidaten

In deutschen Zentren wurde die bariatrische Chirurgie als eine geeignete Therapie zur Gewichtsreduktion bei Nierentransplantationskandidaten angesehen und in 41,2 % der Zentren erfolgte auch eine routinemäßige Evaluation für eine bariatrische Operation. Allerdings hatten nur 21,6 % der Zentren Erfahrung mit mehr als 5 Nierentransplantationen nach bariatrischen Eingriffen, sodass wahrscheinlich viele Patienten letztendlich aus verschiedenen Gründen keiner bariatrischen Therapie vor der Nierentransplantation unterzogen wurden.

Die meisten Leiter von Nierentransplantationsprogrammen waren sich einig, dass BMI-Schwellenwerte ungeeignete Auswahlkriterien für eine Nierentransplantation sind und dass die bariatrische Chirurgie eine wichtige Rolle in einer multimodalen Behandlung der Adipositas bei Nierentransplantationskandidaten darstellen kann. Zusätzlich zeigten die meisten Transplantationszentren ein Interesse an einer prospektiven nationalen Multicenterstudie zur Bewertung der Effekte, Risiken und der Sicherheit von bariatrischer Chirurgie bei Nierentransplantationskandidaten.

Geplante Multicenterstudie soll Situation von adipösen Kandidaten verbessern

Unsere Publikation unterstreicht das aktuelle Problem der Adipositas bei Nierentransplantationskandidaten und das Interesse der meisten Transplantationszentren, die Situation der Patienten, als auch die Transplantationsergebnisse in dieser Kohorte zu verbessern. Dies kann im Rahmen einer von uns nun geplanten prospektiven nationalen Multicenter Studie erörtert werden. Unser zukünftiges Ziel ist es, dass kein Patient allein aufgrund des Kriterium „Adipositas“ von einer Nierentransplantation ausgeschlossen wird, ohne vorher durch ein multidisziplinäres Team aus bariatrischen Chirurgen, Ernährungswissenschaftlern und Transplantationsmedizinern evaluiert zu werden.

Conclusio

Zusammengefasst verwenden die meisten deutschen Transplantationszentren absolute BMI-Grenzwerte als Zugangskriterium für eine Nierentransplantation und in weniger als der Hälfte der deutschen Transplantationszentren werden Nierentransplantationskandidaten mit Adipositas regelmäßig für eine bariatrische Operation evaluiert. Die Sleeve-Gastrektomie erscheint bei den ausgewählten Patienten als das beliebteste Verfahren und sollte bevorzugt vor der Nierentransplantation durchgeführt werden.

Literatur

  1. Eurostat, the statistical office of the European Union; European Health Interview Survey (EHIS). 2019. ec.europa.eu
  2. WHO European Regional Obesity Report 2022. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe. apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/353747/9789289057738-eng.pdf
  3. Koch-Institut R. Übergewicht und Adipositas. www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Uebergewicht_Adipositas/Uebergewicht_Adipositas_node.html.
  4. Johnson DW, Isbel NM, Brown AM, et al. The effect of obesity on renal transplant outcomes. Transplantation. 2002;74(5):675-681.
  5. Mehta R, Shah G, Leggat JE, et al. Impact of recipient obesity on living donor kidney transplant outcomes: a single-center experience. Transplant Proc. 2007;39(5):1421-1423.
  6. Fockens MM, Alberts VP, Bemelman FJ, van der Pant KA, Idu MM. Wound morbidity after kidney transplant. Prog Transplant. 2015;25(1):45-48.
  7. Lentine KL, Delos Santos R, Axelrod D, Schnitzler MA, Brennan DC, Tuttle-Newhall JE. Obesity and kidney transplant candidates: how big is too big for transplantation? Am J Nephrol. 2012;36(6):575-586.
  8. Diwan TS, Lee TC, Nagai S, et al. Obesity, transplantation, and bariatric surgery: An evolving solution for a growing epidemic. Am J Transplant. 2020;20(8):2143-2155.
  9. Kostakis ID, Kassimatis T, Bianchi V, et al. UK renal transplant outcomes in low and high BMI recipients: the need for a national policy. J Nephrol. 2020;33(2):371-381.
  10. Dziodzio T, Biebl M, Ollinger R, Pratschke J, Denecke C. The Role of Bariatric Surgery in Abdominal Organ Transplantation-the Next Big Challenge? Obes Surg. 2017;27(10):2696-2706.
  11. Dobrzycka M, Proczko-Stepaniak M, Kaska L, Wilczynski M, Debska-Slizien A, Kobiela J. Weight Loss After Bariatric Surgery in Morbidly Obese End-Stage Kidney Disease Patients as Preparation for Kidney Transplantation. Matched Pair Analysis in a High-Volume Bariatric and Transplant Center. Obes Surg. 2020;30(7):2708-2714.
  12. Chan G, Soucisse M. Survey of Canadian Kidney Transplant Specialists on the Management of Morbid Obesity and the Transplant Waiting List. Can J Kidney Health Dis. 2016;3:2054358116675344.

Autoren

Dr. med. Tomasz Dziodzio
Facharzt für Allgemeine Chirurgie
Clinician Scientist - Berlin Institute of Health (BIH) Charité
Chirurgische Klinik Campus Charité Mitte / Campus Virchow-Klinikum
Direktor: Prof. Dr. med. Johann Pratschke
Charité – Universitätsmedizin Berlin  

Prof. Dr. med. Robert Öllinger
Bereichsleitung Transplantationschirurgie, Bereichsleitung Sarkome
Chirurgische Klinik Campus Charité Mitte / Campus Virchow-Klinikum
Direktor: Prof. Dr. med. Johann Pratschke
Charité – Universitätsmedizin Berlin  

Disclosures

Keine Interessenskonflikte

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