Autor: Redaktion transplant campus; Interviewpartner: Prof. Felix Braun - Datum: 01.04.2020

Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin: Wo stehen wir? - Interview mit Prof. Dr. Felix Braun

Die neue Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin ist auf einem guten Weg und soll in Kürze in vielen Bundesländern eingeführt werden. Prof. Dr. Felix Braun gibt im Interview mit transplant campus Auskunft über die Inhalte und den aktuellen Stand der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin in Deutschland.

Prof. Dr. med. Felix Braun ist geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Sektion Klinische Transplantation an der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie am Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.

Er ist beim Thema Organspende und Transplantation berufspolitisch sehr aktiv. Unter anderem ist er an der Einführung und Umsetzung des GZSO (Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende) und des gemeinschaftlichen Initiativplans Organspende beteiligt und engagiert sich in zahlreichen Organisationen wie Eurotransplant, IQTIG (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen), der Bundesärztekammer und der Deutschen Transplantationsgesellschaft.

In die 2018 vom Deutschen Ärztetag verabschiedete (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) wurde erstmals eine Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin aufgenommen. In der MWBO werden außerdem für verschiedene Fachgebiete gemeinsame sowie fachspezifische Inhalte der Zusatz-Weiterbildung gefordert: (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer. (1).

In Deutschland sind für alle Angelegenheiten ärztlicher Weiterbildung die Landesärztekammern zuständig. Die MWBO entfaltet noch keine rechtlich bindende Wirkung, sondern hat nur empfehlenden Charakter. Sie dient als Grundlage für die von den Landesärztekammern zu verabschiedenden und von den Aufsichtsbehörden auf Landesebene in Kraft zu setzenden Landesweiterbildungsordnungen. Vorreiter bei der Aufnahme einer Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin in die Weiterbildungsordnung war 2016 Sachsen-Anhalt (2).

Warum wurde die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin beschlossen bzw. weshalb soll sie eingeführt werden?

Bislang gab es nur eine europäische Zusatzqualifikation Transplantationsmedizin: Den Fellow of the European Board of Surgeons (FEBS) der Union Européenne des Médecins Spécialistes (UEMS). Beim FEBS können unterschiedliche Module zu den Themen Organspende und Transplantationsmedizin absolviert werden (3). Die Inhalte des FEBS sind denen der deutschen Zusatzweiterbildung sehr ähnlich. Die Prüfungen erfolgen meist im Rahmen des Kongresses der European Society of Organ Transplantation (ESOT). Bislang ist der FEBS allerdings nicht sehr bekannt. Die Transplantationsmedizin erhält durch die Aufnahme in die Weiterbildungsordnung insgesamt einen neuen Stellenwert.

Die deutsche Zusatzweiterbildung wurde schon lange angestrebt und ist jetzt auf einem guten Weg. Dies kann neue berufliche Perspektiven und Karrierechancen eröffnen sowie den Nachwuchs in der Transplantationsmedizin fördern.

Transplantationspatienten haben spezielle Bedürfnisse. Dies erfordert Spezialwissen, großen Zeitaufwand und festgelegte Verantwortlichkeiten und Kompetenzen. Man erwartet sich durch die Zusatzbezeichnung eine Qualitätsverbesserung in der Versorgung der Patienten. Wir möchten die Patienten vor und nach der Transplantation sehen, für bestmögliche Ergebnisse. Vor dem Hintergrund des aktuellen Mangels an Spenderorganen werden immer kränkere Patienten transplantiert. Diese benötigen eine aufwändige Betreuung und Nachsorge, was in unserem Gesundheitssystem bisher nicht immer abgebildet ist.

Was sind die Voraussetzungen, um die Zusatzbezeichnung zu erwerben?

Es ist vorgesehen, die Zusatzweiterbildung möglichst breit zu etablieren und für viele ärztliche Fachgruppen zugänglich zu machen. Die Voraussetzung für den Erwerb ist eine Facharztanerkennung in einem Fach, das mit der Transplantationsmedizin zu tun hat, wie Fachärzte für Chirurgie (Allgemein-, Gefäß-, Herz-, Thorax- und Viszeralchirurgie), Innere Medizin (Gastroenterologie, Nephrologie, Kardiologie, Pneumologie) sowie Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin oder Urologie.

Der Erwerb ist den verschiedenen Facharztgruppen organbezogen zugeordnet. Die spezifischen Weiterbildungsinhalte unterschieden sich entsprechend.

Die MWBO definiert in einem Katalog Weiterbildungsinhalte, die im Rahmen der Zusatzweiterbildung erlernt werden sollen. Können Sie diese kurz beschreiben?

Die Weiterbildungsinhalte sind prinzipiell fachspezifisch und beziehen sich auf den Erwerb von Behandlungs- und Diagnostikkompetenzen. Beispielsweise steht bei Chirurgen die Zahl der Organentnahmen und durchgeführten Transplantationen im Fokus. Dagegen steht bei Internisten der Erwerb von diagnostischen Fähigkeiten im Vordergrund – abhängig vom internistischen Fachgebiet z. B. die Durchführung von Duplexsonographien und Transplantatbiospien, ERCP, Linksherzkatheter, Lungenfunktionsuntersuchungen und mehr.

Daneben gibt es gemeinsame, fachübergreifende Weiterbildungsinhalte, die für alle Teilnehmer relevant sind – unter anderem zu Rahmenbedingungen der Organtransplantation, Indikationen/Kontraindikationen, Spender- und Empfängerauswahl, Spendermeldung, Wartelistenmanagement, immunologischen Grundlagen, immunsuppressiven Therapieoptionen, Erkennung und Behandlung von Komplikationen, infektiologischen Aspekten oder zur Nachsorge.

Wo kann die Weiterbildungszeit abgeleistet werden und wie lange soll sie dauern?

Die Transplantationszentren werden bei ihren zuständigen Landesärztekammern die Weiterbildungsbefugnis beantragen. Dort kann dann die Weiterbildungszeit abgeleistet werden. Entsprechende Weiterbildungsstätten bzw. Weiterbildungsbefugte wird man dann auf den Seiten der einzelnen Landesärztekammern einsehen können. Die Weiterbildung dauert insgesamt 24 Monate.

Wie weit ist die Umsetzung der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin in den einzelnen Bundesländern fortgeschritten?

Der Katalog mit den Weiterbildungsinhalten ist noch nicht von allen Landesärztekammern verabschiedet. Die Weiterbildungsordnung wird konsekutiv in allen Bundesländern umgesetzt – hier in Schleswig-Holstein ist sie bereits verabschiedet und von der Rechtsaufsicht genehmigt. Sie tritt zum 1. Juli 2020 in Kraft. Die restlichen Bundesländer sollten zeitnah folgen, wahrscheinlich in den nächsten 12 bis 18 Monaten.

Werden die Inhalte der Zusatzweiterbildung in den einzelnen Bundesländern von den Vorgaben der MWBO der Bundesärztekammer abweichen?
Die Bundesärztekammer hat in der MWBO schon eine gute Vorlage geliefert, die voraussichtlich von vielen Landesärztekammern so oder mit nur geringen Abweichungen übernommen wird. Bei uns in Schleswig-Holstein wurden die Vorgaben der MBWO übernommen.

Gibt es aus Sachsen-Anhalt bereits Erfahrungsberichte zu der in 2016 eingeführten Zusatzweiterbildung?

Bisher habe ich von den Erfahrungen aus Sachsen-Anhalt nichts mitbekommen. Ich weiß, dass Ärzte, die sich für eine Zusatzweiterbildung interessiert haben, bislang den europäischen Weg des FEBS gewählt haben. Diese Funktion wird jetzt wahrscheinlich durch die deutsche Zusatzweiterbildung übernommen.

Ergibt es Sinn, sowohl die deutsche als auch die europäische Zusatzausbildung zu absolvieren?

Das hängt davon ab, wo man arbeiten möchte. Für in Deutschland tätige Mediziner empfiehlt es sich, die deutsche Zusatzbezeichnung anzustreben. Für Ärzte, die im europäischen Ausland arbeiten möchten, kann auch das europäische Zertifikat sinnvoll sein. Es schadet sicher nicht, beides zu haben, wobei der Aufwand dafür natürlich groß ist.

Literatur

  1. (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer in der Fassung vom 20.09.2019, aufgerufen am 28.03.2020
  2. Neue Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin eingeführt, Meldung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt vom 16.04.2016, aufgerufen am 28.03.2020
  3. Union Européenne des Médécins Spécialistes: The Division of Transplant Surgery, aufgerufen am 28.03.2020

    Autor: Redaktion transplant campus; Interviewpartner: Prof. Felix Braun

    Autor:

    Redaktion transplant campus

     

    Interviewpartner:

    Prof. Dr. Felix Braun
    Leiter Sektion Klinische Transplantation
    Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie, Transplantationszentrum
    Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
    Kiel

    Disclosures

    Prof. Felix Braun:

    2017-2020
    Reisekosten oder Honorare: Astellas, Biotest, Chiesi, Novartis, Roche
    Studiengelder: Novartis, Chiesi



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