Autor: Redaktion transplant campus (Ulrike Kluska); Gesprächspartnerin: Prof. Dr. Martina Koch - Datum: 22.02.2022

Die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin: Was ist der aktuelle Stand?

Ärztinnen und Ärzte, die im Bereich der Transplantationsmedizin arbeiten, können seit Kurzem die Zusatzbezeichnung Transplantationsmedizin erwerben. Prof. Dr. med. Martina Koch berichtet im Interview mit transplant campus über die Entwicklung der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin, deren Inhalte und wo wir aktuell stehen.

Prof. Dr. med. Martina Koch ist Fachärztin für Allgemeinchirurgie und für Viszeralchirurgie/spezielle Viszeralchirurgie. Sie leitet den Bereich Viszerale Organtransplantation/Transplantationsimmunologie am Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Mainz.

Prof. Koch ist als Vorstandsmitglied der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) berufspolitisch sehr engagiert und setzt sich dabei insbesondere für die Aus- und Weiterbildung in der Transplantationsmedizin ein, unter anderem als Weiterbildungsbeauftragte der DTG und als Initiatorin des DTG-Mentoring-Programms.

Im Jahr 2018 verabschiedete der Deutschen Ärztetag eine neue (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) und nahm darin auch die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin neu auf. Diese dauert insgesamt 24 Monate und kann als Ergänzung zu einer Facharztanerkennung in einem der Transplantationsmedizin verbundenen Fach erworben werden, d. h. von

  • Fachärzten für Chirurgie (Allgemein-, Gefäß-, Herz-, Thorax- und Viszeralchirurgie)
  • Innere Medizin (Gastroenterologie, Nephrologie, Kardiologie, Pneumologie)
  • Kinder- und Jugendmedizin
  • oder Urologie.

In Deutschland sind für die ärztliche Weiterbildung die jeweiligen Landesärztekammern zuständig. Die MWBO hat empfehlenden Charakter und dient als Grundlage für die Landesweiterbildungsordnungen. Die Landesärztekammern sind somit verantwortlich für die Inhalte, Gestaltung und Organisation der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin in den jeweiligen Bundesländern. Für jeden Arzt ist immer nur die Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer rechtsverbindlich, deren Mitglied er ist.

Frau Prof. Koch, warum wurde die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin beschlossen?

Die Transplantationsmedizin ist ein komplexes interdisziplinäres Fach mit hohen Qualitätsanforderungen. Immerhin warten Patienten manchmal Jahre auf ein Spenderorgan. Klar ist, dass ein knappes Gut, und dazu noch eine Spende, immer mit höchster Sorgfalt behandelt werden soll. Daher ist die Transplantationsmedizin im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen der Medizin durch das Transplantationsgesetz (TPG) und die Richtlinien der Bundesärztekammer stark reglementiert. Dennoch gab es bisher keinen Facharzt oder eine andere deutsche Qualifikation, mit der die Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Bereich engagiert tätig sind, ihre Qualifikation nachweisen konnten. Dies hat sich durch die Einführung der Zusatzbezeichnung Transplantationsmedizin zum Glück geändert.

Was erwartet man sich von der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin? Welche Vorteile bietet sie zukünftigen Transplantationsmedizinern und/oder Transplantationszentren?

Die Zusatzweiterbildung gibt engagierten Kolleginnen und Kollegen aus vielen Fachgebieten (Chirurgie, Innere Medizin, Pädiatrie …) erstmal die Möglichkeit ihre Expertise in der Transplantationsmedizin auch zu dokumentieren und anerkennen zu lassen. Dies kann und soll auch für jüngere Kolleginnen und Kollegen ein Anreiz sein, sich dauerhaft in diesem spannenden Gebiet zu engagieren. Gleichzeitig können Transplantationszentren durch die Ausbildung von Transplantationsmedizinern ihr Engagement für ein qualitativ hervorragendes Transplantationsprogramm dokumentieren. Letztendlich profitieren unsere Patienten von kompetenten und motivierten Ansprechpartnern.

Wie bewertet die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) die Zusatzweiterbildung und welche Rolle hat sie bei der Erarbeitung des Weiterbildungskatalogs gespielt?

Die DTG ist die einzige interdisziplinäre Fachgesellschaft, deren Mitglieder sich jetzt seit 30 Jahren für das Thema Transplantation engagieren, daher war es nur folgerichtig, dass wir uns auch für die Einführung der interdisziplinären Zusatzbezeichnung eingesetzt haben.

Die DTG war an der Entwicklung der Zusatzweiterbildung maßgeblich beteiligt. Schon 2011 ist ein Konzept hierzu auf der Jahrestagung unserer interdisziplinären Fachgesellschaft in Regensburg vorgestellt worden. Die Inhalte sind in unserer Fachgesellschaft erarbeitet und breit diskutiert worden. Die DTG hat dann 2012 den Antrag auf Einführung der neuen Zusatzbezeichnung gestellt. Der damalige Präsident der DTG, Prof. Björn Nashan, hat die Entwicklung maßgeblich vorangetrieben, so dass 2018 auf dem Ärztetag in Erfurt die neue Muster-Weiterbildungsordnung mit der neuen Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin beschlossen worden ist.

Für die konkrete Ausgestaltung und Organisation der Zusatzweiterbildung sind die Landesärztekammern der einzelnen Bundesländer zuständig, was teilweise sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Hierauf hat die DTG keinen direkten Einfluss, wir haben jedoch verschiedene Empfehlungen dazu gegeben.

Welche gemeinsamen und fächerspezifischen Weiterbildungsinhalte sollen im Rahmen der Zusatzweiterbildung von den Teilnehmern erlernt werden? Können Sie dazu kurz einen Überblick geben?

Die gemeinsamen Inhalte machen den größten Teil der geforderten Kompetenzen aus. Hier geht es z. B. um Kenntnisse der rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen, die sinnvolle Auswahl und Behandlung von Spendern und Empfängern, immunologische Kenntnisse aber auch um die Qualitätssicherung. Hier drückt sich besonders die Interdisziplinarität des Fachs aus, denn diese Kompetenzen müssen alle zukünftigen Transplantationsmediziner nachweisen.

Jedes Fach hat außerdem spezifische Anforderungen. In den chirurgischen Fächern wird eine gewisse Zahl an selbst durchgeführten Transplantationen und Organentnahmen erwartet, in den konservativen Fächern diagnostische Verfahren. Es wird aber z. B. auch erwartet, dass die konservativen Kolleginnen und Kollegen bei Transplantationen hospitieren. Auch das wird die Zusammenarbeit und das Verständnis füreinander stärken.

Ist am Ende der Zusatzweiterbildung eine Prüfung vorgesehen? Falls ja, wer führt die Prüfung durch?

Ja, es ist eine Prüfung vorgesehen. Das konkrete Vorgehen legen die jeweiligen Landesärztekammern fest. Die DTG empfiehlt allerdings, dass auch die Prüfung interdisziplinär durchgeführt wird. Dies ist in vielen Ärztekammern auch schon so geschehen.

Gibt es auch die Möglichkeit, sich eine wissenschaftliche bzw. Forschungstätigkeit im Bereich der Transplantationsmedizin als Weiterbildungszeit anrechnen zu lassen?

Das wäre auf jeden Fall wünschenswert. Mit der neuen MWBO wurde ja in allen Fächern mehr Wert auf Kompetenzen statt Zahlen und Zeiten gelegt. Für die Zusatzweiterbildung ist geregelt, dass diese 24 Monate an einem Transplantationszentrum erfolgen muss. Das ausbildende Zentrum hat hier natürlich die Möglichkeit, das Curriculum so zu gestalten, dass bestimmte Kompetenzen auch im Rahmen einer wissenschaftlichen Tätigkeit erworben werden können. Kern der Weiterbildung ist aber natürlich die Behandlung von Patienten, so dass eine Forschungstätigkeit nur einen Teil der Weiterbildungszeit ausmachen kann.

Die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin soll in einem Weiterbildungs-Logbuch dokumentiert werden. Wie kann man sich das vorstellen?

Einige Ärztekammern bieten solche Logbücher bereits an. Leider sind diese oft eher unkonkret. Die DTG hat sich daher vorgenommen, gut nutzbare Logbücher zur Verfügung zu stellen. In denen kann man dann auch dokumentieren, wie und wann er oder sie welche Kompetenzen erworben hat. Die Logbücher werden in Kürze auf der Webseite der DTG zur Verfügung gestellt.

Wie ist der aktuelle Stand der Umsetzung – wurde die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin schon von allen Bundesländern eingeführt?

Ja, das ist zum Glück inzwischen der Fall. Zuletzt hat Rheinland-Pfalz die Umsetzung der neuen MWBO verkündet, in Berlin und Bayern plant man das in Kürze. Alle anderen Ärztekammern sind schon fleißig bei der Umsetzung.

Gibt es bei den Weiterbildungsinhalten entscheidende Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern?

Nein, es gibt kaum Unterschiede. Insbesondere die übergreifenden Inhalte sind gleich. In einigen Ärztekammern werden auch Anästhesisten für die Zusatzweiterbildung zugelassen, wobei hier teilweise keine spezifischen Inhalte definiert sind. In Rheinland-Pfalz wurden aber z. B. auch Inhalte für Anästhesisten definiert.

Die DTG hat allen Ärztekammern eine Empfehlung zur Ausgestaltung der Zusatzweiterbildung gegeben. Unser Ziel ist, dass die Umsetzung reibungslos und bundeseinheitlich funktioniert, so dass alle engagierten Transplantationsmediziner in Deutschland bald ihre Kompetenz auch dokumentieren können.

Wie schätzen Sie insgesamt das Interesse an der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin ein? Gibt es Fachdisziplinen, in denen das Interesse besonders groß ist?

Ja, das Interesse ist groß. Die DTG hat im Sommer 2021 eine online-Umfrage unter den Mitgliedern gemacht, bei der aus allen Fachrichtungen Kolleginnen und Kollegen angegeben haben, die Zusatzweiterbildung schon erworben zu haben oder gar schon als Prüfer durch ihre Ärztekammern ernannt worden zu sein.

Für Ärztinnen und Ärzte mit langjähriger transplantationsmedizinischer Erfahrung gibt es die Möglichkeit, die Zusatzbezeichnung im Rahmen einer Übergangsregelung direkt zu beantragen, ohne die Ausbildung extra zu durchlaufen. Die speziellen Voraussetzungen dafür, z. B. über welchen Zeitraum Nachweise erbracht werden können oder ob eine Prüfung nötig ist, werden von den jeweiligen Landesärztekammern festgelegt.

Natürlich ist das Interesse unter den Nephrologen am größten, denn die Niere ist das am häufigsten transplantierte Organ, aber auch viele Chirurgen, einige Pädiater und Urologen haben die Zusatzweiterbildung schon erworben.

Können Sie schon Zahlen nennen, wie viele Ärztinnen und Ärzte bereits mit der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin begonnen haben und wie die ersten Erfahrungen sind?

Das ist schwer zu sagen. Bisher haben sicher am meisten langjährig erfahrenen Kolleginnen und Kollegen die Zusatzweiterbildung erworben. Tatsächlich haben auch schon einige dieser Kollegen die Weiterbildungsermächtigung erhalten.

Aber auch bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen ist das Interesse groß, die Zusatzbezeichnung zu erwerben. Die Zusatzweiterbildung bietet ihnen die Möglichkeit, ihr Engagement für die Transplantationsmedizin und die dabei erworbenen Kompetenzen auch in Form eines Titels nach außen zu dokumentieren.

Da für die Zusatzweiterbildung die Landesärztekammern zuständig sind, haben wir als Fachgesellschaft keine konkreten Zahlen. Die DTG wird aber dieses Jahr wieder ein (virtuelles) Prüfertreffen veranstalten und wir sind gespannt auf die Erfahrungen, die unsere Mitglieder gemacht haben.

Vorreiter bei der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin war Sachsen-Anhalt. Hier wurde bereits 2 Jahre vor Erscheinen der MWBO eine Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin eingeführt.

Ja, hier hat Sachsen-Anhalt ein Statement gesetzt. Insbesondere die Kollegen in Halle haben sich hier engagiert und haben auch die Zusatzweiterbildung bereits erworben. Vorbildlich.

Für Interessierte an der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin: Wo kann die Weiterbildungszeit abgeleistet werden?
An wen kann man sich bei Interesse oder bei Fragen wenden?

Grundsätzlich kann die Zusatzweiterbildung an jedem Transplantationszentrum abgeleistet werden. Auch hier sind die Landesärztekammern zuständig und führen in der Regel Listen mit den Weiterbildungsbefugten.

Als Fachgesellschaft empfehlen wir, dass die Zahl der zur Verfügung stehenden Transplantationspatienten/Eingriffe in einem angemessenen Verhältnis zur Zahl der Auszubildenden stehen sollte. Sowohl in den konservativen als auch in den operativen Fächern sollte die Zahl der geforderten Eingriffe in einer angemessenen Weiterbildungszeit realistisch erreichbar sein.

In 2021 hat die DTG ein Mentoring-Programm auf den Weg gebracht. Können Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat und ob das DTG-Mentoring-Programm mit der Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin verbunden ist?

Das DTG-Mentoring-Programm richtet sich speziell an Kolleginnen und Kollegen, die die Zusatzweiterbildung absolvieren wollen. Wir möchten mit diesem Programm die Mentees und Mentoren und damit auch die teilnehmenden Zentren noch enger vernetzten. Auch soll ein Austausch zwischen den beteiligten Fächern erfolgen, so dass alle Beteiligten profitieren. Auf dem Jahreskongress der DTG, den die Mentees kostenfrei besuchen können, bieten wir jetzt auch spezielle Veranstaltungen (Masterclasses) an, die sich gezielt an die Kolleginnen und Kollegen in der Zusatzweiterbildung richten.

Wer kann sich bewerben und wo finden Interessierte weitere Informationen zum DTG-Mentoring-Programm?

Bewerben können sich alle, die in den nächsten 2 Jahren die Zusatzweiterbildung Transplantationsmedizin anstreben, also Kolleginnen und Kollegen der operativen und konservativen Fächer kurz vor dem Facharzt. Nähere Informationen zu dem Programm finden sich auf der Homepage der DTG unter d-t-g-online.de.

 

 

Autor: Redaktion transplant campus (Ulrike Kluska); Interviewpartnerin: Univ.-Prof. Dr. med. Martina Koch

Autor:

Redaktion transplant campus (Ulrike Kluska)

 

Interviewpartnerin:

Univ.-Prof. Dr. med. Martina Koch
Oberärztin
Leiterin Viszerale Organtransplantation /Transplantationsimmunologie
UNIVERSITÄTSMEDIZIN der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie


Disclosures

Keine Interessenskonflikte

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