Autor: Redaktion transplant campus - Datum: 09.09.2021

COVID-19-Impfungen bei Organtransplantierten: So mobilisieren sie die Immunantwort

Die Immunantwort von Organtransplantierten ist aufgrund der Immunsuppression abgeschwächt. Trotzdem mobilisieren die verschiedenen COVID-19-Impfstoffe die Immunabwehr von Transplantat-Empfängern auf verschiedenen Wegen und können sich dabei ergänzen. Das hat auch Auswirkungen auf die Teststrategie von transplantierten Patienten. Diese spannenden Ergebnisse liefert eine aktuelle Untersuchung aus Deutschland.

Wie beeinflusst die COVID-19-Impfung die humorale und zelluläre Immunität nach einer Transplantation?

Immunsuppressiva können verhindern, dass bei organtransplantierten Patienten eine Covid-19-Impfung die gewünschten Abwehrmechanismen im Körper in Gang setzt. Ein Team um Immunologie-Professorin Martina Sester aus dem Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg hat jetzt die humorale und die T-zellvermittelte Immunabwehr von Transplantat-Empfängern genauer analysiert und eine interessante Entdeckung gemacht: Sie wiesen nach, dass trotz der abgeschwächten Immunantwort von Organtransplantierten die unterschiedlichen COVID-19-Impfstoffe die Immunabwehr auf verschiedene Weise mobilisieren und sich dabei ergänzen können. Sie konnten auch zeigen, dass Antikörpertests nicht ausreichen, um die Impfwirkung bei dieser Patientengruppe zu bestimmen, sondern auch die T-Zellen analysiert werden müssen. Ihre Forschungsergebnisse haben sie jetzt im American Journal of Transplantation veröffentlicht (1, 2).

In die noch laufende Studie werden insgesamt 400 Personen eingeschlossen. Für die jetzt veröffentlichte Publikation wurden die Daten der ersten 110 bereits zweifach geimpften Personen ausgewertet - darunter 40 Nieren-, Lungen- und Lebertransplantierte sowie Patienten mit einem Spenderherz. Hinzu kommen 70 gesunde Personen, die keine Immunsuppressiva einnehmen.

Um die Ergebnisse ihrer Studie einordnen zu können, muss man wissen, wie sich der menschliche Körper gegen eine COVID-19-Virusinfektion wehrt und wie er dabei durch eine Impfung unterstützt wird. Gegen Viren, die in den Körper eindringen, werden Antikörper gebildet, die im Blut und an den Schleimhäuten, etwa in der Lunge, wirken. Sie fangen das Virus ab und neutralisieren es, indem sie sich etwa bei COVID-19 an das Spike-Protein binden. „Sogenannte T-Helferzellen unterstützen den menschlichen Körper unter anderem dabei, dass Antikörper gebildet werden. Bei der Vernichtung der infizierten Zellen kommen zudem die T-Killerzellen ins Spiel. Die COVID-19-Impfstoffe aktivieren diese verschiedenen natürlichen Abwehrmechanismen, jedoch auf unterschiedliche Weise und bei Organtransplantierten mit abgeschwächter Intensität“, erklärt Sester.

mRNA- und Vektor-Impfstoffe wirken unterschiedlich auf die Antikörper- und T-Zell-Antwort

Bei den Labortests wurde nicht nur die Bildung der Antikörper erfasst, sondern auch analysiert, wie die unterschiedlichen T-Zellen durch die verschiedenen Impfstoffe angesprochen wurden:

  • Nach Erstimpfung zeigte sich, dass der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer eine stärkere Wirkung auf die Bildung von Antikörpern hat als der Vektorimpfstoff von Astrazeneca.
  • Genau umgekehrt war es bei den T-Zellen, die nach Erstimpfung mit dem Vektorimpfstoffs stärker ausgebildet wurden.

Bei den Organtransplantierten konnten nach der ersten Impfdosis nur bei rund fünf Prozent der Patienten Antikörper festgestellt werden, während es in der Kontrollgruppe 80 Prozent waren. T-Zellen hingegen wurden immerhin bei einem Viertel der Organtransplantierten nachgewiesen, bei der Vergleichsgruppe waren es über 80 Prozent.

Antikörpertests nicht ausreichend

„Unsere Studie belegt zum einen, dass die COVID-19-Impfstoffe nach der ersten Gabe unterschiedlich wirken. Zum anderen zeigte die Studie, dass reine Antikörpertests nicht ausreichen, um bei immungeschwächten Personen herauszufinden, ob sie einen ausreichenden Impfschutz aufweisen“, erläutert Martina Sester. „Auch nach der zweiten Impfung war der Nachweis einer Impfantwort unter der Berücksichtigung der T-Zellen deutlich besser als bei der alleinigen Analyse von Antikörpern. Antikörper oder T-Zellen waren nach Zweitimpfung bei immerhin 71 Prozent aller Patienten zu beobachten. Da wir sowohl homolog als auch heterolog geimpfte Organempfänger untersuchen konnten, haben wir deutliche Hinweise, dass sich auch bei diesen die Kombination verschiedener Impfstoffe sehr gut ergänzt.“

Kombinierte Dritt-Impfung als mögliche Option?

Prof. Sester und ihr Team konnten kürzlich in einer Publikation in Nature Medicine bereits belegen, dass bei Immungesunden eine Kombination des Astrazenca-Impfstoffs mit dem Biontech-Wirkstoff eine deutlich stärkere Immunantwort zeigt als eine doppelte Astrazeneca-Impfung (3). Die Ständige Impfkommission hat dieses Forschungsergebnis bereits aufgegriffen und empfiehlt inzwischen die heterologe Impfung auch für über 60-Jährige. „Wir überprüfen jetzt, ob immungeschwächte Menschen als dritte Impfung eine kombinierte Version bekommen sollten, um ein möglichste breite Immunreaktion des Körpers zu erzeugen“, erklärt Sester. Zudem wollen sich die Transplantationszentren in Deutschland vernetzen, um verschiedene Studien miteinander zu verknüpfen.

Zu den Originalartikeln

Cellular immunity predominates over humoral immunity after homologous and heterologous mRNA and vector-based COVID-19 vaccine regimens in solid organ transplant recipients. Am J Transplant 2021

Immunogenicity and reactogenicity of heterologous ChAdOx1 nCoV-19/mRNA vaccination. Nat Med 2021

Literatur

  1. Wie Covid-19-Impfungen bei Organtransplantierten die Immunantwort mobilisieren. Pressemitteilung der Universität des Saarlandes vom 30.08.2021
  2. Schmidt T et al. Cellular immunity predominates over humoral immunity after homologous and heterologous mRNA and vector-based COVID-19 vaccine regimens in solid organ transplant recipients. Am J Transplant 2021; doi: 10.1111/ajt.16818. Online ahead of print.
  3. Schmidt T et al. Immunogenicity and reactogenicity of heterologous ChAdOx1 nCoV-19/mRNA vaccination.
    Nat Med 2021 Jul 26: doi: 10.1038/s41591-021-01464-w. Online ahead of print.

    Autor: Redaktion transplant campus

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