Autor:  Dr. Jenny Prüfe - Datum: 30.08.2016

Welche Faktoren können die Adhärenz beeinflussen?

Um (non-)adhärentes Verhalten beurteilen und Adhärenz-fördernde Maßnahmen anbieten zu können, gilt es, fünf Dimensionen zu berücksichtigen, welche die WHO benennt (1):

Abbildung: Die fünf Dimensionen der Adhärenz (nach WHO) (1)

Soziale und sozioökonomische Faktoren umfassen das soziale Umfeld. Gute Zusammenarbeit undAusgeglichenheit in der Familie werden als adhärenzfördernd angesehen. Emotionale Überlastung und Indifferenz der Eltern hingegen sind als Risikofaktor zu bewerten. Auch finanzielle Not und soziale Ausgrenzung können sich negativ auf die Therapiemitarbeit auswirken.

Therapiebezogene Faktoren beinhalten Aspekte der Behandlungskomplexität und Effektivität: Je einfacher das Therapieregime und je spürbarer der Erfolg, umso höher die Bereitschaft zur Mitarbeit. Je aufwändiger ein Therapieprotokoll, je größer die Auswirkungen auf den gewohnten Tagesablauf und je diffiziler das Regime, umso schwieriger ist es, eine therapeutische Maßnahme verstehen und konsequent umsetzen zu können.

Patientenbezogene Faktoren berücksichtigen vor allem entwicklungsspezifische Aspekte sowie Gesichtspunkte der Krankheitswahrnehmung und -Verarbeitung. Grundlegender Faktor ist dabei das Verstehen der Erkrankung und des Therapieregimes, um letzteres auch effektiv umsetzen zu können und Fehler zu vermeiden.

Gelegentlich stecken auch Fehlinformationen und pseudologische Schlussfolgerungen hinter Non-Adhärenz: So mögen Eltern argumentieren, dass sie bei der schweren Erkältungswelle, die auch die Familie getroffen hat, die Abwehr des transplantierten Kindes nicht zu sehr schwächen wollten; oder ein Teenager erklärt, dass er mit seinen Freunden feiern war und die Immunsuppressiva pausiert habe, da diese sich nicht mit dem Alkohol vertragen.

Weiter spielen das Temperament und Entwicklungsaufgaben eine nicht zu vernachlässigende Rolle: Junge Kinder mit noch unzureichendem Verständnis für die Therapienotwendigkeit wehren sich oftmals gegen „bittere Pillen“, wodurch das Eltern-Kind-Verhältnis belastet wird. Teenager hingegen verfügen über die Einsicht, setzen aber gelegentlich ihr Streben nach Normalität über die medizinischen Notwendigkeiten. Eine mangelnde Überzeugung in die Therapienotwendigkeit und Angst vor Nebenwirkungen können sich ebenfalls nachteilig auf die Adhärenz auswirken. Krankheitsakzeptanz und Selbstwirksamkeitserfahrung gelten hingegen als positive Einflussfaktoren.

Erkrankungsbezogene Faktoren beziehen sich vor allem auf Schwere, Verlauf und Kontrollierbarkeit der Erkrankung. Wird das Fortschreiten einer Erkrankung als unabwendbares Schicksal gesehen, so ist die Therapiemitarbeit gefährdet. Vor allem langdauernde chronische Prozesse, wie das Leben mit einem Transplantat, können zur Therapiemüdigkeit führen. Zudem sind Ko-Morbiditäten nicht zu vernachlässigende Aspekte: Besteht eine beeinträchtigte Verhaltenssteuerung aufgrund von Depressionen? Hat sich eine Sehbehinderung entwickelt, welche das exakte Dosieren von Flüssigkeiten erschwert? Diese und andere mögliche Einschränkungen gilt es zu erkennen und zu berücksichtigen.

Faktoren des Gesundheitssystems und der Behandler nehmen vor allem bei chronischen Prozessen - wie dem Organversagen mit nachfolgender Transplantation - auf Grund des langjährigen Kontaktes zwischen Arzt und Patient einen wichtigen Platz im Gefüge ein. Der Aufbau einer tragfähigen, vertrauensbasierten Arzt-Patient-Beziehung ist dabei von entscheidender Bedeutung. Hierzu bedarf es vor allem personeller Kontinuität und zeitlicher Ressourcen. Eine freundlich-zugewandte und empathisch-unterstützende Haltung des Arztes dem Patienten und seiner Familie gegenüber kann die Adhärenz nachhaltig fördern.


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Literatur

  1. World Health Organisation. Adherence to long-term therapies: evidence for action. 2003: Seite 27
  2. Misaka et al. Green tea ingestion greatly reduces plasma concentrations of nadolol in healthy subjects. Clin Pharmacol Ther 2014; 95(4):432-438.

    Autor: Dr. Jenny Prüfe

    Dr. Jenny Prüfe
    Psychologin (MPhil), Dipl. Reha-Päd.
    Pädiatrisches Forschungszentrum
    Klinik für Pädiatrische Nieren-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen
    Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin
    Medizinische Hochschule Hannover

    Disclosures

    Kein Interessenskonflikt

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