Autor: Redaktion transplant campus  - Datum: 18.10.2021

DTG 2021: Transplantationsmedizin unter dem Stern von Corona

Die Coronavirus-Pandemie hat die Transplantationsmedizin vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Wie sich die Mediziner dabei geschlagen haben und welche neue Lösungsansätze es für den Organmangel gibt, waren zwei eifrig diskutierte Themen auf dem DTG-Jahreskongress 2021.

 

Vom 07. bis 09. Oktober 2021 fand die Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) statt, der Coronavirus-Pandemie geschuldet in teils virtueller Hybridform. Naturgemäß zog sich das Thema Pandemie wie ein roter Faden durch fast alle Bereiche.

Themen wie die Auswirkungen von Infektionen und Impfungen auf Spenderbereitschaft, Durchführung von Transplantationen und auf Transplantierte nahmen breiten Raum ein. Ein weiterer Schwerpunkt war der Dauerbrenner Spenderorganmangel, zu dem potenzielle Lösungsansätze diskutiert wurden.

Allgemeine Lage der Transplantationsmedizin in Deutschland

Die Coronavirus-Pandemie machte 2020 zu einer besonderen Herausforderung für das gesamte Gesundheitssystem. Die Transplantationsmedizin hat sich den Anforderungen gestellt. Im Jahr 2020 wurden bundesweit 3.518 Organe in 3.347 Empfänger transplantiert gegenüber 3.767 Organen in 3.543 Empfänger im Jahr 2019. Das entspricht einem Rückgang von 6 %, was angesichts der starken Intensivbetten-Auslastung in den zwei Pandemiewellen entgegen vorheriger Befürchtungen moderat ist.

„Doch auch wenn wir mit dieser Leistungsfähigkeit der deutschen Transplantationsmedizin unter Pandemiebedingungen zufrieden sein können, darf das nicht über ein ganz grundlegendes Problem hinwegtäuschen“, mahnte Prof. Dr. Christian Strassburg, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG)Deutschland sei ist im Hinblick auf die Organspende mit einer Spenderrate von 10,7 Spendern pro 1 Million Menschen europaweit fast das Schlusslicht, nur in Luxemburg seien die Wartezeiten auf ein lebensrettendes Organ länger als bei uns. Seit 2018 haben die Spenderzahlen zum zweiten Mal in Folge abgenommen (2018: 955 Spender, 2019: 932 Spender, 2020: 913 Spender). Auch die Zahl der Patientinnen und Patienten auf der Warteliste sei von 9.005 (2019) wieder auf 9.447 angestiegen.

Das von der DTG begrüßte Gesetz zur „Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ trat zwar am 1. April 2019 in Kraft, konnte seinen Nutzen unter Normalbedingungen aber aufgrund der Pandemie nicht beweisen.

Daher, so Prof. Strassburg, sei das Hinarbeiten auf eine Erhöhung der Spenderzahlen nach wie vor ein wichtiges Anliegen.

Organmangel – welche Lösungsansätze gibt es?

Nach dem politischen Scheitern der Widerspruchslösung sind andere Maßnahmen vonnöten, um den seit Jahren bestehenden Organmangel zu verringern.

Prof. Dr. Vedat Schwenger, Kongresspräsident der DTG-Jahrestagung 2021, sieht in der Stärkung des Spendebeauftragten einen ersten wichtigen Schritt, der aber nicht ausreiche. Er führt verschiedene Vorschläge von Seiten der Transplantationsmediziner an, die dazu beitragen können, bei der Organspende endlich einen positiven Trend herbeizuführen:

  • Einführung eines Registers, in dem der Organspendewille hinterlegt ist
    Der bestehende Organspendeausweis ist bei Verunfallten oft nicht auffindbar. Viele der in der Folge dazu befragten Angehörigen fühlen sich in der Situation der Trauer völlig mit der Entscheidung überfordert. Bei einem bestehenden Register könnten Notfallmediziner auf die dort hinterlegte Entscheidung des Verunfallten zurückgreifen. Zudem würden durch das dazu nötige regelmäßige Abfragen des Organspendewillens mehr Menschen dazu motiviert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und eine Entscheidung zu fällen. Ein Schritt, der derzeit offenbar des Öfteren unterbleibt, angesichts dessen, dass ein Drittel der Menschen in Umfragen Spendebereitschaft bekunden, aber nur ein knappes Drittel überhaupt einen Organspendeausweis besitzt.
  • Zulassung von Organen von Spendern, die an einem Herzversagen verstorben sind
    Aufgrund der seit Jahren niedrigen Zahl der Organspender besteht die Überlegung, ob auch Verstorbene für eine Organspende zugelassen werden sollten, die an einem Herzversagen versterben („non heart-beating donor“). In den Niederlanden, USA, Belgien oder Österreich werden diese „non heart-beating“-Organe transplantiert und die Wartezeiten auf neue Organe sind deutlich kürzer als die in Deutschland üblichen 8–10 Jahre.
  • Öffnung der Lebendspenderegeln
    In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Ländern nicht die Möglichkeit der Kettenspende oder der altruistischen Spende. Obwohl die DTG die Lebendspende als nachgeordnet ansieht, sollten auch solche Konzepte diskutiert werden, da viele Menschen auf der Warteliste versterben.
  • Mehr Forschungsförderung, um neue Ansätze des Organersatzes schneller zu entwickeln und die „Laufzeit“ von Organen zu verlängern
    Langfristig könnten Therapieansätze aus der Forschung wie Organregeneration, Organe aus dem 3D-Drucker oder die Xenotransplantation, also die Transplantation von Organen anderer Spezies auf den Menschen, das Problem der Organspende beheben, so der Glaube der Transplantationsmediziner.
    Ein anderer Ansatz besteht darin, die „Laufzeit“ von Spenderorganen zu verlängern, indem Abstoßungsreaktionen vermindert werden, einerseits durch individuelle Optimierung der Immunsuppression und andererseits durch Entwicklung einer Zelltherapie, die spezifisch die Immuntoleranz gegenüber dem Spenderorgan beeinflussen soll.

„Langfristig wird die Medizin für das Problem ‚Organmangel‘ nachhaltige Lösungen entwickeln“, meint Prof. Dr. Vedat Schwenger zuversichtlich. Allerdings würde die Forschung noch viele Jahre benötigen, bis diese experimentellen Ansätze brauchbare Alternativen liefern, weswegen das aktuelle Hauptaugenmerk auf den oberen Optionen liege.

 

 

Literatur

  • Grußwort des Tagungspräsidenten der 30. Jahrestagung der DTG in Stuttgart
  • Allgemeine Lage der Transplantationsmedizin in Deutschland Pressemeldung der DTG vom 7. Oktober 2021
  • Organmangel – welche Lösungsansätze gibt es? Pressemeldung der DTG vom 7. Oktober 2021



Autor: Redaktion transplant campus

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