Autorin: Redaktion transplant campus - Datum: 12.11.2021

DTG 2021: Bewertung und Vorhersage psychosozialer Faktoren bei Transplantationspatienten – ein Blick in die Zukunft?

Das dringendste Ziel für einen Transplantationskandidaten ist die rettende Operation. Doch wie geht es weiter, wenn das neue Organ im Körper ist? Wie sieht es danach mit der Adhärenz des individuellen Patienten aus und kann man dies mithilfe psychosozialer Bewertungsscores eventuell schon vor der OP vorhersagen? Diese Fragen wurden auch auf dem DTG-Kongress intensiv diskutiert.


Psychische Belastungen können das Outcome nach Organtransplantation negativ beeinflussen. Dies wurde bereits in verschiedenen Studien beobachtet (1-3). Im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen steigen sowohl die Mortalität nach Transplantation an als auch transplantationsassoziierte Komplikationen aufgrund mangelnder Adhärenz.

Über die prädikative Aussagkraft vieler psychosozialer Risikofaktoren auf den Verlauf nach der Transplantation ist jedoch bisher wenig bekannt. Vor diesem Hintergrund beschäftigten sich zwei Vorträge im Rahmen des DTG-Kongresses 2021 mit dem prädiktiven und klinischen Nutzen verschiedener psychosozialer Bewertungsscores.

Einschätzung psychosozialer Belastungen bei Lungentransplantierten mittels TERS

Die Transplantation Rating Scale (TERS)

Dr. med. Mariel Nöhre berichtete über die Vorhersage klinischer Endpunkte ein Jahr nach Lungentransplantation mit der Transplant Evaluation Rating Scale (TERS).

Seit 2017 ist die psychosoziale Evaluation durch einen Mental Health Professional in der Lungentransplantations-Richtlinie vor Listung zur Lungentransplantation vorgeschrieben. An der Medizinischen Hochschule Hannover ist bereits seit 2016 die Evaluation aller Kandidaten mittels TERS üblich. Um eventuell erhöhten psychologischen Betreuungsbedarf nach Transplantation einschätzen zu können, werden psychosoziale Risikofaktoren und psychische Belastungen schon vor der Transplantation erhoben.

In der deutschen Version des TERS werden 10 Domänen abgefragt, die das psychosoziale Funktionsniveau abbilden sollen, z. B. psychische Komorbiditäten, Verhalten und soziale Unterstützungsfaktoren. Ein Summenscore gibt das Ausmaß der psychosozialen Risikofaktoren wieder. Innerhalb der 10 Domänen werden die zwei Subskalen „Emotionale Sensitivität“ und „Verhalten“ unterschieden.

Wie gut sagt die TERS Probleme nach Transplantation voraus?

In einer longitudinalen, prospektiven Studie (4) wurde das Risikoassessment mit TERS an 352 Patienten getestet. Von diesen wurden 284 gelistet (80,7%) und 271 transplantiert (77%), Ein Jahr post Tx fand ein Assessment an 240 Patienten (68,2%) statt.

Die Studie kam zu folgenden Ergebnissen:

  • Patienten im niedrigsten TERS-Drittel wurden mit der größten Wahrscheinlichkeit für eine Transplantation gelistet.
  • Ein erhöhter TERS-Score war prädiktiv für ein schlechteres Adhärenzverhalten und einen erhöhten BMI ein Jahr post Transplantation.
  • Der TERS-Score konnte Gesundheitsspezifische Lebensqualität (HRQoL) sowie Ängstlichkeit und Depressivität der Patienten ein Jahr post Transplantation voraussagen.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass es der TERS ermöglicht, psychosoziale Risikofaktoren frühzeitig zu identifizieren, die dann vor/nach Transplantation behandelt oder reduziert werden können.

Gleiches Ziel, anderes Instrument

In einem Postervortrag (5) präsentierte PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Angela Buchholz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit dem Distress-Thermometer ein weiteres Instrument zur Beurteilung psychosozialer Belastungen von Transplantationspatienten.

In der vorgestellten Arbeit wurde das in der Psychoonkologie weltweit etablierte Distress-Thermometer zum Screening von Transplantationspatienten untersucht. Dieses besteht aus Listen psychosozialer Probleme, die von Behandlern und Patienten in Vorhandensein und Schwere beurteilt werden. Dieses Instrument verbesserte die Zufriedenheit mit dem Liaison-psychologischen Dienst zur psychosomatischen Betreuung stationärer Patienten in der Klinik signifikant, die Patienten fühlten sich besser verstanden.

Daraus folgerte die Referentin, dass das Distress-Thermometer auch für Transplantationspatienten die relevanten Probleme abdecken kann und empfiehlt, die Verwendung der Methode in der Routineversorgung zu untersuchen.

Neue S3-Leitlinie im Endspurt: Psychosoziale Aspekte in der Transplantationsmedizin

Passend zu den erwähnten Arbeiten gibt es noch Neuigkeiten in Sachen Leitlinien: Die Leitlinie „Psychosoziale Diagnostik und Behandlung von Patienten vor und nach Organtransplantation“ befindet sich nun in den letzten Bearbeitungsschritten und steht kurz vor dem öffentlichen Review, wie Prof. Dr. Martina de Zwaan im Rahmen der DTG-Konferenz berichtete.

Die von namhaften Expertinnen und Experten aus dem Deutschland und Österreich erarbeitete Leitlinie gibt wissenschaftlich fundierte, praxis-orientierte Empfehlungen, wie Transplantatempfänger und Lebendorganspender psychosozial vor und nach der Operation begleitet werden sollten.

Literatur

  1. Dew et al. Depression and Anxiety as Risk Factors for Morbidity and Mortality After Organ Transplantation: A Systematic Review and Meta-Analysis. Transplantation 2015; 100:988-1003.
  2. DeGeest et al. Adherence to the therapeutic regimen in heart, lung, and heart-lung transplant recipients. J Cardiovasc Nurs 2005; 20(5 Suppl):S88-98.
  3. Nevins et al. Understanding Medication Nonadherence after Kidney Transplant. J Am Soc Nephrol 2017; 28:2290-2301.
  4. Nöhre M et al., The Transplant Evaluation Rating Scale Predicts Clinical Outcomes 1 Year After Lung Transplantation: A Prospective Longitudinal Study. Front Psychiatry 2021; 12:704319.
  5. Buchholz A et al. Probe-Implementierung eines Screenings für psychische Belastungen von Transplantationspatient:innen. Posterpräsentation PO-081 auf dem DTG-Kongress 2021


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Redaktion transplant campus

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