Autor: Redaktion transplant campus  - Datum: 15.11.2020

Jahrestagung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) 2020

Was hat sich seit dem Inkrafttreten der Gesetzreform zur Organspende getan und von welchen Erfahrungen können die Transplantationsbeauftragten berichten – darüber wurde auf dem virtuellen Kongress der DSO intensiv diskutiert. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Organspende und Transplantation in Deutschland.

Die Jahrestagung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) fand im November 2020 als virtueller Kongress statt. Über 700 Teilnehmer hatten sich angemeldet – darunter viele Transplantationsbeauftragte, die im Mittelpunkt der gesetzlichen Novellierungen vom letzten Jahr stehen. Der Fokus der Veranstaltung lag u. a. darauf, was sich seit Inkrafttreten der gesetzlichen Regelungen in den Entnahmekrankenhäusern getan hat und was sich aus Sicht der Transplantationsbeauftragten noch verbessern müsste. Ziel des „Gesetzes zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ vom 1. April 2019 ist die Erhöhung der Organspendezahlen – und zwar primär durch strukturelle Änderungen bei der Erkennung möglicher Spender in den Kliniken.

Die weiteren Themen im Überblick:

Erste Auswertung der Todesfallanalyse: Höhere Spenderzahlen sind möglich

Eine wichtige Maßnahme, die Zahl der Organspenden zu erhöhen, ist die seit letztem April gesetzlich vorgeschriebene Todesfallanalyse. Damit sind alle der rund 1.200 Entnahmekrankenhäuser verpflichtet, die Todesfälle mit primärer oder sekundärer Hirnschädigung zu erfassen und die Gründe zu eruieren, die eine Organspende verhindert haben. Eine erste Auswertung der bisher erstmals bundesweit eingegangenen Daten an die DSO zeigt, dass 2019 potenziell die Anzahl der Organspender hätte verdoppelt werden können. Dies verdeutlicht, dass dem Organspendemangel durch verbesserte Abläufe in den Kliniken weiter entgegengewirkt werden kann, so die DSO.

Häufig mangelnde Freistellung der Transplantationsbeauftragten

Mögliche Organspender zu erkennen ist eine wichtige Aufgabe der Transplantationsbeauftragten. Ihre Position wurde durch das Gesetz deutlich gestärkt. Was hat sich seitdem im Klinikalltag verbessert, was ist noch zu tun? Wie halten es die Kliniken mit der gesetzlich geforderten Freistellung? Diese Fragen wurden im Rahmen einer Diskussionsrunde zum Teil kontrovers diskutiert.

Dabei ergab eine Live-Umfrage bei den etwa 400 teilnehmenden Transplantationsbeauftragten, dass die gesetzlich geforderte Freistellung von anderen Tätigkeiten an vielen Kliniken noch nicht ausreichend umgesetzt wird. In fast der Hälfte der Krankenhäuser erfolgt die gesetzlich geforderte Freistellung der Transplantationsbeauftragten nur teilweise. Nur bei 10 Prozent der Transplantationsbeauftragten ist die Freistellung ihrer Tätigkeit vollständig umgesetzt.

Ob die Klinikleitungen hier stärker in die Pflicht genommen werden sollten oder zunächst der Pflege- und Ärztemangel beseitigt werden müsse, um die Entlastung überhaupt erst zu ermöglichen, waren zentrale Diskussionspunkte. „Im Sinne des Gesetzes sollte die Freistellung in allen Kliniken zu 100 Prozent voll erfüllt sein“, kommentierte Dr. med. Axel Rahmel, Vorstand der DSO, das Stimmungsbild. Gleichzeitig sei die Frage, ob dies etwa mit Konsequenzen belegt werden sollte, noch zu früh. Er appellierte an die Klinikleitungen und Geschäftsführungen, den Transplantationsbeauftragten Vertrauen und Wertschätzung entgegenzubringen, um ihre Position innerhalb der Kliniken zu stärken.

Einigkeit herrschte dagegen darüber, dass die Vernetzung der Transplantationsbeauftragten ein wichtiges Element sei, um Transparenz zu schaffen und deren Anliegen Gewicht zu verleihen.

Neue Richtlinie Spendererkennung stellt Patientenwillen in den Mittelpunkt

Eine weitere Lücke bei der Erkennung möglicher Organspender schließt die seit Anfang September 2020 geltende neue Richtlinie Spendererkennung der Bundesärztekammer. Sie rückt die frühzeitige Beachtung des Patentenwillens in den Mittelpunkt, sodass jeder Organspendewunsch auch umgesetzt werden kann. „Der Patientenwille und dessen Umsetzung steht als Maßgabe über allem Handeln“, hob Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp, Mitautor der Richtlinie, bei der Vorstellung der neuen Regelungen hervor. Folglich sei es umso wichtiger, die persönliche Entscheidung zur Organspende zu Lebzeiten zu treffen und diese auch zu dokumentieren. Es sei die Aufgabe der Ärzte, bereits zum Zeitpunkt eines zu erwartenden oder vermuteten Hirnfunktionsausfalls den möglichen Wunsch einer Organspende zu ermitteln, so Hahnenkamp. Das bedeute, diese Frage sei mit den Angehörigen zu klären – und zwar bevor die Einleitung einer palliativen Behandlung eine spätere Organspende ausschließe. Das frühzeitige Gespräch mit den Angehörigen sei daher eine wichtige und begründete Empfehlung im Richtlinientext. Sei der Wille des Patienten bekannt, könnten Ärzte und Angehörige auf dieser Grundlage über die weiteren Maßnahmen beraten und dem Anspruch auf Patientenautonomie gerecht werden.

transplant campus berichtete: Intensivmediziner unterstützen neue Richtlinie der Bundesärztekammer zur Spendererkennung

Die Daten aus den Krankenhäusern zeigen, dass bislang in den meisten Fällen einer möglichen Organspende keine Willensbekundung in Form einer Zustimmung oder Ablehnung vorliegt. Im vergangenen Jahr waren es laut Bericht der DSO mehrheitlich die Angehörigen, die entweder nach dem vermuteten Willen des Verstorbenen entschieden haben (40 Prozent) oder nach eigenen Wertvorstellungen (19 Prozent) in die Spende eingewilligt bzw. sich dagegen ausgesprochen haben. Nur 15 Prozent der möglichen Spender, die der DSO gemeldet wurden, hatten ihren Willen zur Organspende schriftlich festgelegt.

Ärzte brauchen frühzeitige Einsicht in das Organspende-Register

Große Hoffnung verbanden die Experten mit der Einführung des neurologischen Rufbereitschaftsdienstes, der vor allem die Krankenhäuser ohne Neurochirurgie bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls unterstützen soll. Eine Verzögerung der Todesfeststellung würde sowohl von den Angehörigen als auch von den Mitarbeitern in den Kliniken selbst als sehr belastend empfunden. Diese gesetzlich vorgesehene Unterstützung wird jedoch voraussichtlich erst im Jahr 2022 zur Verfügung stehen.

Mit Sorge fiel der Blick dagegen auf das geplante Online-Register für Erklärungen zu Organ- und Gewebespenden. Dessen Ausschreibung soll in diesem Jahr noch erfolgen. Das Problem: Die Informationen im Register sind erst nach der Todesfeststellung für speziell berechtigte Ärzte zugänglich. Diese verhältnismäßig späte Einsicht in den Patientenwillen widerspricht der gelebten Praxis der Patientenautonomie. Die Einsichtnahme sollte jedoch bereits dann möglich sein, wenn der Hirntod bevorsteht oder als bereits eingetreten vermutet werden kann. Die verantwortlichen Ärzte befinden sich dann an dem maßgeblichen Punkt, an dem entweder über die Fortführung der intensivmedizinischen Maßnahmen oder die Einleitung der Therapiebegrenzung bzw. Palliativbetreuung entschieden werden muss. Ähnlich wie dann eine Patientenverfügung einzusehen ist, sollte in dieser Situation auch die Einsicht in das Register möglich sein. So könne sichergestellt werden, dass ein klar geäußerter Wille zur Organspende bei den weiteren Schritten berücksichtigt wird.

Zahl der Organspender steigt trotz SARS-CoV-2-Pandemie leicht an

Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses lag auf den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Organspende und Transplantation in Deutschland. Bisher ergab sich statistisch gesehen in Deutschland keine nachweisbare Korrelation zwischen der Zahl der COVID-19-Infektionen und der Zahl der Organspenden.

In den ersten 10 Monaten des Jahres gab es mit 793 postmortalen Organspendern eine leichte Steigerung von 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Gegensatz zu Spanien, wo die Zahlen im Frühjahr auf fast ein Viertel der früheren Aktivität zurückgingen, oder Italien mit einem zeitweisen 30-prozentigen Rückgang, konnten Organspende und Transplantation in Deutschland relativ konstant weitergeführt werden. Dies liegt insbesondere an dem andauernden Engagement in den Kliniken, trotz der Krise an die Organspende zu denken. Dies zeigen auch die organspendebezogenen Kontakte zur DSO als Koordinierungsstelle, die bis Ende Oktober bei 2.626 Kontakten und damit um 4,1 Prozent über dem Vorjahr lagen. Die weitere Entwicklung in der jetzt beginnenden zweiten Welle sei abzuwarten.

Lesen Sie dazu auch auf transplant campus: DTG 2020: Keine nennenswerte Beeinträchtigung der Organspende in Deutschland durch die SARS-CoV-2-Pandemie

Der Infektiologe Prof. Dr. med. Bernd Salzberger, Universitätsklinikum Regensburg, erklärte, dass Transplantierte im Falle einer Corona-Infektion eine besondere Behandlung bei der Anpassung der Immunsuppression benötigten. Auch müsse eine eigene Impfstrategie für Transplantierte entwickelt werden.

Quellen

DSO-Jahreskongress startet heute online mit über 700 Teilnehmern. Pressemitteilung der DSO vom 03.11.2020

Neue Richtlinie der Bundesärztekammer rückt frühzeitige Beachtung des Patientenwillens in den Mittelpunkt – jedem Organspendewunsch soll entsprochen werden. Pressemitteilung der DSO vom 03.11.2020

Stimmungsbarometer auf dem DSO-Kongress: Umfrage unter Transplantationsbeauftragten weist auf mangelnde Freistellung hin. Pressemitteilung der DSO vom 06.11.2020

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