Autor: Redaktion transplant campus  - Datum: 18.06.2021

ATC 2021: Was gibt es Neues zu COVID-19-Impfungen und Organtransplantation?

Wie sicher und wirksam ist eine Impfung gegen SARS-CoV-2 bei organtransplantierten Patienten? Diese Frage treibt viele Transplantationsmediziner um. Aktuelle Antworten dazu lieferten Wissenschaftler auf dem American Transplant Congress (ATC) 2021.

Die Themen im Überblick:

COVID-19: Impfantwort von Organtransplantierten: Vortrag von Dorry Segev, Baltimore: A US-wide study of COVID Vaccine Safety, Immune Response, and Durability in 3000 Transplant Patients

Weitere Daten zu Impfungen bei Herz-, Nieren- und Lebertransplantation: Vortrag von Michael Ison, Chicago

 COVID-19: Impfantwort von Organtransplantierten

In der Session „A US-wide study of COVID Vaccine Safety, Immune Response, and Durability in 3000 Transplant Patients“ präsentierte Dorry Segev von der Johns Hopkins University Baltimore, Maryland, Daten einer großen prospektiven Kohortenstudie zu Impfungen bei organtransplantierten Patienten in den USA.

Die Teilnehmer der offenen Studie wurden aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ab Dezember 2020 über Social Media rekrutiert. Dadurch war es möglich, bereits in der ersten Woche nach Studienbeginn über 1000 Patienten zu rekrutieren. Alle Untersuchungen fanden ohne direkten Patientenkontakt statt, also z. B. online, telefonisch und über Videokonferenzen. Selbst Blutabnahmen wurden von den meisten Patienten mittels eines neuen „Remote Blood Collection Systems“ (TAP II blood collection device) selbst durchgeführt.

Gutes Sicherheitsprofil der COVID-19-mRNA-Impfstoffe bei Organtransplantierten

Im April 2021 wurden bereits die ersten Ergebnisse zur Sicherheit und Reaktogenität nach zwei Dosen der COVID-19-mRNA-Impfstoffe bei 742 Transplantat-Empfängern veröffentlicht (Impfstoff von Biontech-Pfizer bei 54% und von Moderna bei 46%). (1)

Die Nebenwirkungen waren vergleichbar zu Studien mit Immungesunden. Es gab keinen Fall von COVID-19, eine akute Rejektion nach der 2. Dosis, keine neurologischen Beschwerden und kaum Infektionen. Jüngere Patienten zeigten öfter systemische Nebenwirkungen. Zusammenfassend waren die Impfungen gut verträglich, es gab fast keine schweren Nebenwirkungen. Die Impfung scheint also für Transplantationspatienten laut Segev sehr sicher zu sein und die Patienten sollten geimpft werden. (1)

Geringe Antikörperantwort auf COVID-19-mRNA-Impfstoffe

Im März und Mai 2021 wurden die ersten Ergebnisse zur Immunantwort von transplantierten Patienten nach der 1. Impfung (n = 436) und der 2. Impfung (n = 685) publiziert. Nur rund 20% der Patienten zeigten nach der 1. Impfung und 50% nach der 2. Impfung SARS-CoV-2 Anti-Spike-Protein-Antikörper. (2, 3) transplant campus berichtete: COVID-19: Impfantwort von Organtransplantierten

Eine immunsuppressive Therapie mit Anti-Metaboliten und höheres Alter gingen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einher, Antikörper zu entwickeln. Eine längere Zeit nach der Transplantation und eine Impfung mit dem Impfstoff der Firma Moderna statt von Biontech-Pfizer erhöhten die Wahrscheinlichkeit einer Antikörperantwort. Die Art des transplantierten Organs spielte dagegen keine Rolle. (2, 3)

Im Rahmen seines Vortrags gab Segev nun ein Update zur Wirksamkeit der 1. und 2. Impfung, in dem mittlerweile die Daten von insgesamt 1112 bzw. 873 Patienten ausgewertet wurden:


1. Impfdosis: Im Median 21 Tage nach der 1. Impfung waren SARS-CoV-2-Antikörper nur bei 19% (208/1112) der Patienten nachweisbar. Im Gegensatz liegt die Antikörperresponse bei Immungesunden bei 100%.

2. Impfdosis: Im Median 30 Tage nach der 2. Impfung war die Antikörperantwort auf 57% der Patienten (495/873) angestiegen, aber immer noch deutlich niedriger verglichen mit Immungesunden.

Fast die Hälfte der Patienten zeigte weder ein Ansprechen auf die 1. noch auf die 2. Impfung. Segev unterschied drei Phänotypen:

  • Negativ/negativ = Non-Responder (43%)
  • Negativ/positiv = schwache Responder (40%)
  • Positiv/positiv = Boosted (17%)

Die Höhe der Antikörpertiter war unterschiedlich. Noch ist allerdings unklar, welcher Antikörpergrenzwert wirksam vor einer Infektion schützt. Auch der Einfluss der T-zellvermittelten Immunität, die u.a. die Schwere einer Infektion beeinflusst, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Vergleich mit dem Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson

In einer weiteren Studie, die in Kürze publiziert wird, untersucht das Team um Segev auch die Immunantwort von Transplantationspatienten auf das COVID-19-Vakzin von Johnson & Johnson (J&J), bei dem bekanntlich nur eine Impfdosis nötig ist. (4)

Erste vorläufige Daten zeigen, dass die Antikörperantwort noch geringer ausgeprägt ist als nach der Impfung mit COVID-19-mRNA-Impfstoffen: (4)

  • Nach der Impfung mit dem J&J-Impfstoff entwickelten nur 20% der Teilnehmer Antikörper vs. 56% nach zwei Impfdosen von mRNA-Impfstoffen.
  • Die medianen Antikörpertiter lagen mit 2,39 U/ml (J&J) deutlich niedriger als mit mRNA-Impfstoffen (106,7 U/ml, p = 0,05).

Höhere Antikörperantwort bei 3. Impfdosis

In der anschließenden Diskussion wies Segev noch auf die Ergebnisse eine gerade erschienene Pilotstudie mit 30 Patienten mit suboptimalem Impfansprechen hin, die eine 3. Impfdosis erhalten hatten. (5)

  • Vor der 3. Dosis war bei 6 Patienten ein geringer Anstieg der Antikörpertiter nachweisbar. Im Median 14 Tage nach der 3. Impfung war der Antikörpertiter bei allen 6 Patienten deutlich angestiegen.
  • Vor der 3. Dosis hatten 24 der 30 Patienten negative Antikörpertiter. Nach der 3. Dosis zeigten 6/24 Patienten einen hohen Antikörpertiter und 2 Patienten einen leichten Anstieg. Die übrigen 16 Patienten blieben Antikörper-negativ.

Bei 24 Patienten war für die 3. Dosis der Impfstoff gewechselt worden: 9 Patienten erhielten den anderen mRNA-Impfstoff, 15 Patienten wurden mit dem J&J-Impfstoff geimpft.

Fazit: Größeres Risiko einer SARS-CoV-2-Infektion trotz Impfung

Auch nach einer Impfung scheinen Patienten nach solider Organtransplantation ein höheres Risiko für eine COVID-19-Erkrankung zu haben. (6) Deshalb ist es jetzt wichtig, Wirksamkeitsdaten aus Real-World-Studien auszuwerten, so Segev, und zu schauen, ob es eine Korrelation zwischen Antikörpertiter und Infektionsrisiko gibt und wie viele geimpfte Transplantationspatienten tatsächlich an einer „Breakthrough-Infektion“ erkranken. Erste Erfahrungen weisen darauf hin, dass das Erkrankungsrisiko für geimpfte Transplantatempfänger um das etwa 100fache erhöht ist, verglichen mit immunkompetenten Geimpften.

Weitere Daten zu Impfungen bei Herz-, Nieren- und Lebertransplantation

Michael Ison von der Northwestern University, Chicago, Illinois, ergänzte in seinem Vortrag „Making Sense of Vaccine and COVID Outcomes for Up to Date Clinical Recommendations” Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit der COVID-19-Vakzine bei verschiedenen Organtransplantation-Entitäten. Die Daten stammen vorwiegend aus Israel, wo schon viel Erfahrungen mit der Impfung von Organtransplantierten gesammelt werden konnten.

Die Studien wurden mit unterschiedlichen Assays zur Messung der Antikörperantwort durchgeführt und zeigen alle ähnliche Ergebnisse. Die Impfung mit COVID-19-mRNA-Impfstoffen bei Organtransplantierten scheint sicher zu sein. Verglichen mit Immunkompetenten ist die Impfantwort jedoch deutlich niedriger (Tabelle 1). Die immunsuppressive Therapie mit dem Antimetaboliten Mycophenolat-Mofetil (MMF) und höhere Steroid-Dosen ging mit einer niedrigeren Antikörperrate einher. (7-10)

Tabelle 1: Wirksamkeit verschiedener COVID-19-Vakzine (7-10)

 

OrgantransplantationTeilnehmer    Impfstoff
(2 Dosen)
Antikörperantwort
Herztransplantation (7) n = 77 Patienten

n = 136 gesunde Kontrollen
Biontech-Pfizer18% mit nachweisbaren Antikörpern vs. 98,5% der gesunden Kontrollen

10,4% mit neutralisierenden Antikörpern vs. der 93,4% gesunden Kontrollen

Messung 21 Tage nach der letzten Impfdosis
Nierentransplantation (8)n = 136 Patienten

n = 25 gesunde Kontrollen
Biontech-Pfizer51/136 Patienten vs. 25/25 gesunde Kontrollen

Messung 16 Tage nach der letzten Impfdosis
Nierentransplantation (9)n = 205 PatientenModerna98/204 Patienten

Messung 28 Tage nach der letzten Impfdosis
Lebertransplantation (10)n = 80 Patienten

n = 25 gesunde Kontrollen
Biontech-Pfizer47,5% mit nachweisbaren Antikörpern vs. 100% der gesunden Kontrollen

 

Der Referent betonte jedoch, dass Patienten auch über die antikörpervermittelte Prävention einer Infektion hinaus von einer Impfung profitieren können, da Impfungen auch vor schweren Verläufen einer COVID-Erkrankung, Hospitalisierungen und Tod schützen können. In einer Fallserie von sieben Transplantat-Empfängern mit „Breakthrough“ COVID-19-Infektion nach einer SARS-CoV-2-Impfung zeigten die meisten Patienten keinen schweren Verlauf. (11)

Vor dem Hintergrund der aktuellen Datenlage fasste Ison abschließend einige Empfehlungen zur SARS-CoV-2-Impfung bei Transplantatempfängern zusammen (siehe Infokasten).

SARS-CoV-2-Impfung bei Transplantatempfängern – das sollten Sie tun

  • Transplantationspatienten können von einer Impfung stark profitieren. Jeder Transplantatempfänger sollte so bald wie möglich geimpft werden.
  • Die Durchführung einer Serologie nach der Impfung wird nicht empfohlen.
  • Bei seronegativen Patienten sollten außerhalb von klinischen Studien keine zusätzlichen Impfdosen verabreicht werden.
  • Eine Änderung der Immunsuppression um den Impfzeitpunkt herum wird nicht empfohlen.
  • Empfehlungen für Patienten, auch nach der Impfung die bekannten Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten:
  • Tragen Sie weiterhin Masken und achten Sie auf körperliche Distanz und Handhygiene.
  • Vermeiden Sie unnötige Reisen.
  • Wahrscheinlich können Sie sich in der Nähe von anderen aufhalten, die vollständig geimpft sind.

Literatur

  1. Ou MT et al. Safety and Reactogenicity of 2 Doses of SARS-CoV-2 Vaccination in Solid Organ Transplant Recipients. Transplantation 2021; doi: 10.1097/TP.0000000000003780. Online ahead of print
  2. Boyarsky BJ et al. Immunogenicity of a Single Dose of SARS-CoV-2 Messenger RNA Vaccine in Solid Organ Transplant Recipients. JAMA 2021; doi: 10.1001/jama.2021.4385. Online ahead of print
  3. Boyarsky BJ et al. Antibody Response to 2-Dose SARS-CoV-2 mRNA Vaccine Series in Solid Organ Transplant Recipients. JAMA 2021; doi: 10.1001/jama.2021.7489. Online ahead of print
  4. Boyarsky BJ et al. Transplantation, in press
  5. Werbel W et al. Safety and Immunogenicity of a Third Dose of SARS-CoV-2 Vaccine in Solid Organ Transplant Recipients: A Case Series. Ann Intern Med 2021; doi: 10.7326/L21-0282. Online ahead of print
  6. Ali NM et al. Development of COVID-19 Infection in Transplant Recipients After SARS-CoV-2 Vaccination. Transplantation 2021; doi: 10.1097/TP.0000000000003836. Online ahead of print
  7. Peled Y et al. BNT162b2 vaccination in heart transplant recipients: Clinical experience and antibody response. J Heart Lung Transplant 2021; S1053-2498(21)02274-9; doi: 10.1016/j.healun.2021.04.003. Online ahead of print
  8. Grupper A et al. Reduced humoral response to mRNA SARS-CoV-2 BNT162b2 vaccine in kidney transplant recipients without prior exposure to the virus. Am J Transplant 2021; doi: 10.1111/ajt.16615. Online ahead of print
  9. Benotmane I et al. Low immunization rates among kidney transplant recipients who received 2 doses of the mRNA-1273 SARS-CoV-2 vaccine. Kidney Int. 2021; 99: 1498–1500
  10. Rabinowich et al. Low immunogenicity to SARS-CoV-2 vaccination among liver transplant recipients. J Hepatol 2021; S0168-8278(21)00255-5; doi: 10.1016/j.jhep.2021.04.020. Online ahead of print
  11. Wadei HM et al. COVID-19 infection in solid organ transplant recipients after SARS-CoV-2 vaccination. Am J Transplant 2021; doi: 10.1111/ajt.16618. Online ahead of print

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