Autor: Redaktion transplant campus  - Datum: 02.11.2022

Verschreibungshoheit bei Immunsuppression muss in ärztlicher Hand bleiben

Apotheker dürfen seit Kurzem transplantierte Menschen beraten und ihre Medikation umstellen. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) und die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) warnen ausdrücklich davor und befürchten, dass es zu Komplikationen und Transplantatverlusten kommen kann.

Erweiterte Medikationsberatung bei Immunsuppression in Apotheken

Transplantierte Patientinnen und Patienten können bei Immunsuppression seit Kurzem eine erweiterte Medikationsberatung in Apotheken in Anspruch nehmen. Das Ziel ist eine detaillierte Prüfung der gesamten Medikation, bei der im Rahmen der Beratung der Hintergrund der immunsuppressiven Therapie sowie Handhabungs- und Anwendungsprobleme erörtert werden sollen. Ebenso sollen Bedenken und Sorgen bezüglich der Therapie besprochen und einer Lösung zugeführt werden.

Große Sorge bei DTG und DGfN

Die DTG und die DGfN nehmen die Aufnahme der Medikationsberatung bei Immunsuppression in den Katalog der pharmazeutischen Dienstleistungen mit der Möglichkeit, die Leistung zu Lasten der Krankenversicherung abzurechnen, mit Unverständnis und großer Sorge zur Kenntnis, wie sie in einer gemeinsamen Pressemitteilung erklären. (1)

Medikationsberatung und Umstellung der Immunsuppression nur durch betreuende Ärzte

Die Medikationsberatung im Rahmen der Therapie und Nachsorge von Organtransplantierten gehört aus Sicht beider Fachgesellschaften alleinig in die Verantwortung der betreuenden Ärzte. Die immunsuppressive Therapie nach Organtransplantation ist hochkomplex und erfordert neben der profunden Kenntnis der Krankengeschichte der Betroffenen, ihrer Komorbiditäten und der individuellen Transplantationshistorie fachärztliche Kenntnis im Rahmen der Nachsorge.

„Es gibt einen eklatanten Mangel an Spenderorganen, die Betroffenen warten oft viele Jahre auf eine Transplantation. Daher sollte keine Abstoßungsreaktion riskiert werden. Diese kann aber bereits durch kleinere Wirkstoffschwankungen entstehen, erst recht durch eine leichtfertige Umstellung der Immunsuppression. Die optimale Einstellung von transplantierten Patientinnen und Patienten ist höchst individuell; um die Balance zwischen ausreichender Immunsuppression und Nebenwirkungen perfekt auszutarieren, bedarf es immunologischer, laborchemischer Untersuchungen, die in Apotheken nicht geleistet werden können“, erklärt Prof. Julia Weinmann-Menke, Pressesprecherin der DGfN.

Veränderung des therapeutischen Regimes kann das Transplantat gefährden

„Aus unserer Sicht kann daher eine Medikationsberatung in diesem sensiblen Patientenkollektiv nicht von einer Apothekerin oder einem Apotheker erbracht werden, selbst wenn die dafür erforderlichen Kenntnisse auf Basis des Curriculums der Bundesapothekerkammer erworben wurden“, ergänzt Prof. Dr. Mario Schiffer, Generalsekretär der DTG. „Eine Veränderung des therapeutischen Regimes, das von den Transplantationszentren festgelegt wurde, ist gefährdend für den erfolgreichen Transplantaterhalt. Abgesehen von einer unnötigen Verunsicherung der Betroffenen, wenn Arzt und Apotheker unterschiedliche Empfehlungen geben, erwarten wir durch diese Neuregelung in den Transplantationszentren erhöhte Komplikationsraten durch die nicht ärztliche Umstellung der Medikation transplantierter Menschen.“

Digitale Schnittstellen zwischen Transplantationszentren und Apotheken fehlen

Erschwerend komme hinzu, dass es keine digitalen Schnittstellen zwischen Transplantationszentren und Apotheken gibt wie in anderen europäischen Ländern, die ähnliche Mitberatungsmodelle durch Apotheken etabliert haben. Diese wäre aber aus Sicht der DTG und DGfN eine zwingend erforderliche Grundvoraussetzung. „Eine Veränderung der medikamentösen Therapie darf nicht ohne Einbindung des Transplantationszentrums und ohne Absprache mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten erfolgen. Nur sie kennen die persönliche Krankengeschichte, erwartbare Komplikationen, individuelle Therapieresistenzen oder Gegenanzeigen aufgrund von Komorbiditäten. Wir schätzen unsere pharmakologischen Kolleginnen und Kollegen und wünschen uns eine verstärkte Zusammenarbeit, z. B. im Bereich der Adhärenzschulung oder bei der Beratung von Arzneimittelinteraktionen. Eine Einbindung und Vergütung qualifizierter Pharmazeutinnen und Pharmazeuten in den jeweiligen Transplantationszentren ist daher absolut wünschenswert. Die Verschreibungshoheit bei immunsuppressiven Therapien muss aber in ärztlicher Hand bleiben, wir riskieren sonst Transplantatverluste“, so Schiffer.

Autor: Redaktion transplant campus

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Literatur:

    1. „Die Verschreibungshoheit bei immunsuppressiven Therapien muss in ärztlicher Hand bleiben“. Pressemitteilung der DTG und DGfN vom 20.10.2022

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