Autor: Redaktion transplant campus  - Datum: 20.09.2021

COVID-19: Weltweiter Rückgang von Organtransplantationen

Eine neue Studie zeigt, dass die Zahl der Organtransplantationen während der ersten Welle der COVID-19-Pandemie weltweit stark zurückging. Dabei gab es teils erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern.

Analyse von 22 Ländern zeigt weltweite Abnahme von Transplantationen

Die Zahl der soliden Organtransplantationen, die während der ersten COVID-19-Welle im Jahr 2020 durchgeführt wurden, ist im Vergleich zu 2019 deutlich gesunken. Dies geht aus einer neuen globalen Studie hervor, die in Lancet Public Health veröffentlicht wurde. (1) Die Untersuchung stützt sich auf internationale Daten aus 22 Ländern auf vier Kontinenten. Berücksichtigt wurden alle Transplantationen ab dem 100. bestätigten COVID-19-Fall bis zum 31. Dezember 2020.

Insgesamt nahm in den 22 Ländern die Gesamtzahl der Organtransplantationen um 15,9 % ab. Am häufigsten betroffen waren Nierentransplantationen (-19,1 %) vor Lungentransplantationen (-15,5 %), Lebertransplantationen (-10,6 %) und Herztransplantationen (-5,4 %). Der stärkste Rückgang an Transplantationen war im Frühjahr während der ersten drei Monate der Pandemie zu beobachten, gefolgt von einem Anstieg ab Juni 2020 und einem erneuten leichten Rückgang von Oktober bis Dezember.

Rückgang vor allem der Nierentransplantation

Bei der Nierentransplantation war der Rückgang in fast allen Ländern am größten, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass diese Operation nicht unmittelbar lebensrettend ist und die Möglichkeit besteht, den Eingriff zu verschieben.

Ein weiterer Grund für den Rückgang der Nierentransplantationen dürfte auch die deutlich gesunkene Anzahl an Lebendspende-Transplantationen sein. Die Häufigkeit von Nierenlebendtransplantationen sank um 40,2 %, die Zahl der Leberlebendtransplantationen um 32,5 %. Eine Lebendspende erfordert erhebliche Ressourcen und eine exakte Planung. Dies ist während einer Pandemie extrem schwierig, wenn die Ressourcen knapp sind und das Personal umgeschichtet werden muss. Außerdem bestehen große ethische Bedenken hinsichtlich des Wohlergehens und der Sicherheit des Spenders, erläuterte Prof. Alexandre Loupy, Leiter des Pariser Translational Research Center for Organ Transplantation und Letztautor der Studie. (2)

Erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Transplantationstätigkeit der einzelnen Ländern waren teils erheblich und unterschieden sich zum Teil stark zwischen einzelnen Ländern. Die Untersuchung machte deutlich, dass es einigen Ländern gelang, die Zahl der Transplantationen aufrechtzuerhalten, während in anderen Ländern die Zahl der Transplantationen im Vergleich zum Vorjahr stark zurückging und die Transplantationprogramme mehr oder weniger zusammenbrachen. Dabei verglichen die Forscher die Veränderungen der Transplantationsaktivität der einzelnen Länder auch im Hinblick auf die Zahl der COVID-19-Todesfälle pro Million Einwohner.

  • In einigen Ländern nahm die Gesamtzahl der Organtransplantationen trotz einer relativ niedrigen Zahl an COVID-19-Fällen um mehr als die Hälfte ab (z. B. Argentinien -60,9 %, Japan -66,7 %, Chile -54,0%).
  • Andere Länder wie z. B. Belgien (-22,5 %) und Italien (-16,2 %) versuchten das Transplantationsvolumen möglichst aufrechtzuerhalten trotz einer hohen Zahl von COVID-19-Fällen.
  • Einige Länder verzeichneten einen Rückgang um weniger als 5 Prozent (Schweiz -1,3 %, USA -4,1 %) oder sogar ein Plus (Slowenien +8,4 %).

Insgesamt bestand ein starker zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Anstieg der COVID-19-Infektionsrate und dem Rückgang der Transplantationen.

In Deutschland sank die Gesamtzahl an Transplantationen um 10,5 %. Am häufigsten betroffen waren auch hier die Nierentransplantationen (-13,2 %), gefolgt von Lungentransplantationen (-11,3 %), Lebertransplantationen (-6,5 %) und Herztransplantationen (-3,4 %).

Verlust von über 48.000 Lebenjahren

Die erste COVID-19-Welle hatte somit verheerende Auswirkungen auf die Zahl der Transplantationen in vielen Ländern und die Patienten auf der Warteliste und führte bedauerlicherweise zu einem erheblichen Verlust an Lebensjahren der Patienten. Modellberechnungen zufolge führte der Rückgang der Transplantationen zu einem Verlust von mehr als 48.000 Lebensjahren. Die geschätzte Zahl der verlorenen Lebensjahre betrug 37.664 Jahre für Patienten, die auf der Warteliste für eine Niere standen, 7.370 Jahre bei Patienten auf der Warteliste für eine Leber, 1.799 Jahre bei Patienten auf der Lungen- und 1.406 Jahre der Herztransplantationswarteliste.

Zum Originalartikel

COVID-19 pandemic and worldwide organ transplantation: a population-based study

Frei zugängliches Dashboard zu Organtransplantationen während COVID-19

Weitere Analysen auf regionaler, nationaler und globaler Ebene sollen folgen, um zu verstehen, warum es in manchen Ländern und Gesundheitssystemen zu einem Rückgang kam bzw. nicht kam. Dies soll dazu beitragen, sich in Zukunft besser auf eine Pandemie vorzubereiten und zu wissen, wie man Transplantationsprogramme sicher aufrechterhalten kann, um Patienten diese lebensrettende Behandlung zu ermöglichen.

Um Forschern, Klinikern und Gesundheitsbehörden die zeitlichen Trends und die Auswirkungen der Pandemie auf die weltweite, nationale und regionale Transplantationsaktivität verständlicher zu machen, haben die Autoren ein frei zugängliches Dashboard erstellt, das Daten zu soliden Organtransplantationen und COVID-19-Fällen interaktiv darstellt.

Zum Dashboard: covidtransplants.org 

Literatur:

  1. Aubert O et al. COVID-19 pandemic and worldwide organ transplantation: a population-based study.
    Lancet Public Health 2021: S2468-2667(21)00200-0.doi: 10.1016/S2468-2667(21)00200-0. Online ahead of print.
  2. Organ transplants fell by a third worldwide during first wave of Covid-19 pandemic, new study shows. Pressemitteilung der European Society for Organ Transplantation vom 31.08.2021

     

     

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