Autor:  Ao. Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Zuckermann  Datum: 16. 5. 2018

Organtransplantation in Österreich

International nimmt Österreich bei den durchgeführten Organtransplantationen einen der Spitzenränge ein. Die Situation rund um Organtransplantationen hat sich in den letzten Jahren stabil entwickelt. Als Organspender kommt in Österreich prinzipiell jeder Mensch in Frage, bei dem ein Hirntod festgestellt wurde und kein Widerspruch gegen die Organentnahme vorliegt. (1) Im transplant-campus-Interview spricht Prof. Zuckermann, Wien, über die Situation der Organspende in Österreich.

Prof. Zuckermann ist Facharzt für Herzchirurgie an der Universitätsklinik Wien. Er ist unter anderem Vorstandsmitglied der internationalen Gesellschaft für Herz-Lungen Transplantation (ISHLT) und Leiter des Wiener Herztransplant-Programms sowie Co-Direktor der chirurgischen Herzinsuffizienzgruppe der medizinischen Universitätsklinik Wien. Als Wiener Vertreter gehört er zum Thoracic advisory board und Organ procurement board bei Eurotransplant. Seit 2008 hat Prof. Zuckermann den Vorsitz des Arbeitskreises für Herztransplantation der österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin. 

Wie bewerten Sie die aktuellen Zahlen der Organspenden in Österreich?

Grundsätzlich kann man im internationalen Vergleich die Versorgungslage in Österreich nach wie vor als „gut“ bezeichnen. Während im Jahre 2016 insgesamt 780 Transplantationen in Österreich durchgeführt wurden (90,7 pro Millionen Einwohner), waren es in Deutschland 3.708 (45,95 pro Millionen Einwohner). (2) Dennoch sollten sich insbesondere die Krankenhäuser weiter bemühen, potenzielle Spender zu finden und damit die Zahl der Organtransplantationen in Österreich weiter zu verbessern. 

Wie sieht die Situation speziell im Bereich der Herztransplantation aus?

Auch im Bereich der Herztransplantation können wir in Österreich sehr zufrieden sein, wenn wir uns mit dem restlichen Europa vergleichen. Für das Jahr 2016 wurden insgesamt 57 Herztransplantationen (6,63 pro Millionen Einwohner) in Österreich und 297 in Deutschland (3,68 pro Millionen Einwohner) durchgeführt. (2) 

Auf welcher gesetzlichen Basis erfolgt die Entscheidung zu einer postmortalen Organspende in Österreich? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie an diesem System?

Die gesetzliche Regelung von Organtransplantationen in Österreich basiert auf der Widerspruchsregel. Als Organspender kommen prinzipiell alle Verstorbenen infrage, bei denen der irreversible Hirntod festgestellt wurde und kein Widerspruch zu einer Organentnahme vorliegt. Die Dokumentation eines Widerspruchs erlangt höchste Wirksamkeit durch eine Eintragung in das „Widerspruchsregister gegen Organspende“ (geführt von ÖBIG-Transplant und GÖG). Die gesetzlichen Regelungen zur Organtransplantation in Österreich wurden 2012 in einem einheitlichen Bundesgesetz, dem Organtransplantationsgesetz, zusammengefasst. Bereits seit 1982 besteht eine gesetzliche Grundlage im Krankenanstaltengesetz. 

Nachteile zur Widespruchslösung sehe ich nicht. Die Bevölkerung hat ein Anrecht darauf selbst zu entscheiden, ob man sich für oder gegen eine Organspende entscheidet. In Österreich muss man dafür nicht aktiv an die Menschen herantreten. Es ist jedoch wichtig, jede Information über die Transplantation und die Möglichkeit des Widerspruchs in der Bevölkerung breit zu vermitteln und offen mit dem Thema umzugehen.

Wie ist die postmortale Organspende in Österreich organisiert?

Jedes österreichische Krankenhaus mit intensivmedizinischer Versorgung beschäftigt einen so genannten Transplantationsbeauftragten. Dabei handelt es sich meist um Anästhesisten oder Internisten, der auf einer Intensivstation arbeitet, also einen zugeordneten Arzt, der den Auftrag hat, potenzielle Organspender zu identifizieren. Des Weiteren gibt es in Österreich vier regionale (Ost/West/Süd/Nord) Transplantationsbeauftragte, die mit den zuständigen Transplantationsbeauftragten der Krankenhäuser kooperieren, welche die Organentnahmen auf der Spenderseite koordinieren. 

Diesen vier regionalen Beauftragten ist die Abteilung der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) übergeordnet. Diese arbeitet eng mit dem Gesundheitsministerium zusammen. Die ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen)-Transplant prüft auf nationaler Ebene alle Transplantationszahlen und gibt einen jährlichen Report über die aktuelle Situation bekannt. Innerhalb der ÖBIG-Transplant wird ein Transplantationsbeirat ernannt. Dabei handelt es sich um ein Gremium aus medizinischen Experten, die von der Österreichischen Gesellschaft für Transplantation gewählt werden. Innerhalb dieses Gremiums sitzen auch die regionalen Transplantationsreferenten, Patientenvertreter, Vertreter der Sozialversicherungen, der Länder und des Gesundheitsministeriums. Wichtiges Thema der ÖBIG-Transplant ist zudem die staatliche Finanzierung der Transplantationen auf nationaler Ebene. 

Auf internationaler Ebene gibt es österreichische Vertreter bei Eurotransplant, die über die Österreichische Gesellschaft für Transplantation gewählt werden. Eurotransplant ist für die Allokation aller Organspenden in den Mitgliedstaaten zuständig. 

Wie gestalten sich die finanziellen Rahmenbedingungen der Organspende in den Kliniken?

In Österreich wird die Finanzierung der Transplantation vom Bund übernommen. Dazu gehören die regionalen Transplantationsbeauftragten, die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken, die Hirntoddiagnostik, Transporte sowie die chirurgische Organentnahme. Diese werden von der ÖBIG-Transplant über das Gesundheitsministerium bezahlt. 

Wie läuft die praktische Durchführung einer postmortalen Organspende ab der Feststellung eines Spenders ab?

Im Falle einer Organspende wird der potenzielle Spender im Krankenhaus vom zuständigen Transplantationsbeauftragten identifiziert. Diese Information wird weiter an den regionalen Transplantationskoordinator geleitet. Nach einer sehr aufwändigen klinischen Untersuchung und der Aufnahme aller notwendigen Daten sowie der Bestätigung des Hirntodes wird Eurotransplant informiert. 

Eurotransplant ist für die Verteilung der Organe zuständig. Insgesamt gibt es 81 Transplantationszentren in den acht Mitgliedsstaaten – Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien. Diese speisen alle wichtigen Merkmale von Menschen, die eine Organtransplantation benötigen, in eine zentrale Datenbank ein. Auch die Daten aller Spender werden dorthin gemeldet. Weil mit der Organvermittlung in jedem Mitgliedsland ausschließlich Eurotransplant beauftragt ist, darf jegliche Spende auch ausschließlich über diese Stiftung erfolgen. Sobald ein Spender gemeldet wird, bestimmt Eurotransplant für jedes verfügbare Organ mittels Computerverfahren eine Matchliste. Das heißt: Jede Spende wird mit dem gesamten Patientenpool von Eurotransplant abgeglichen. Fünf allgemeine Prinzipien sind für die Zuteilung von Bedeutung:

  1. der erwartete Erfolg nach der Transplantation (anhand der individuellen Gewebemerkmalen von Spender und Empfänger); dies wird nur bei der Nierentransplantation angewandt
  2. die durch Experten festgelegte Dringlichkeit („High Urgency-Patienten“);
  3. die Wartezeit 
  4. die nationale Organaustauschbilanz (Balance von Import und Export zwischen Ländern und Zentren) sowie
  5. die Blutgruppenkompatibilität oder -gleichheit.

Gleichzeitig verläuft die Organisation der Organentnahme in dem zuständigen Zentrum. Der Transplantationskoordinator muss in diesem Fall sämtliche Entnahmeteams koordinieren.

Ein Empfänger kann man als national high urgent oder international high urgent melden. Bei der nationalen Meldung hat der Patient eine Präferenz gegenüber allen anderen österreichischen Patienten und ist, nach Ausschluss der Patienten auf der international high urgent Liste, für ein österreichisches Organ der erste, der dieses erhält. Auch die nationale Organaustauschbilanz spielt bei der Verteilung eine wichtige Rolle. Österreich ist ein vergleichbar kleines Land mit einer hohen Organspendezahl. In Folge werden meist mehr Organe nach Deutschland oder andere Länder verschickt als Österreich aus dem Ausland erhält. 

Wie lange muss ein Patient auf der Warteliste in Österreich auf eine Herztransplantation warten? 

Ein österreichischer Herz-Patienten der normalen Warteliste hat in der Regel eine mediane Wartezeit von sechs bis neun Monaten bis er ein Organ erhält. Patienten, die als hochdringlich auf die international high urgent Liste eingestuft werden, warten in der Regel 10-14 Tage.

Ist die Kultur der Organspende innerhalb der österreichischen Gesellschaft und die Einstellung ihr gegenüber mit der deutschen vergleichbar? 

Wenn in Österreich die Gesetzlage der Organspende, wie in Deutschland, auf einer Zustimmungslösung basieren würde, dann wären die Zahlen deutlich niedriger. Kein Land, in dem eine Zustimmungslösung gesetzlich festgelegt wurde, ist bezüglich der Organspendezahlen mit den Ländern der Widerspruchslösung vergleichbar. Österreich hatte zudem das Glück, dass bei der Verabschiedung des Gesetzes keine negativen Schlagzeilen darüber in der Presse erschienen. 

Welche Reformen oder Veränderungen sind ihrer Meinung nach in Deutschland notwendig? 

Um mehr Organe zu transplantieren, muss Deutschland ganz klar die Widerspruchslösung einführen. Vor dem Hintergrund, dass jetzt auch in Holland die Widerspruchslösung festgelegt wurde, werden zukünftige Änderungen auch in Deutschland mit Spannung erwartet.

 

Transplant Campus Redaktion: Wir bedanken uns für das Interview.

 

 

Literatur

1. Transplant-Jahresbericht 2016: Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen. https://jasmin.goeg.at/68/2/Kurzfassung%20Organspende%202016.pdf 

Autor: Ao. Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Zuckermann

Ao. Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Zuckermann
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Chirurgie; Klinische Abteilung für Herz-Thoraxchirurgie Wien

Disclosures

Tätigkeit als Transplantationschirurg; Speaker bureau: Mallincrodt, Sanofi, One Lambda; Scientific grants (to the university): Chiesi, Biotest; Advisory board: Chiesi, Mallincrodt

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